Anfassen nein - Berühren ja  von Deva Busha Glöckner

Aus aktuellem Anlass ein paar Gedanken einer Tantramasseurin und Sexualbegleiterin über den Unterschied zwischen „Anfassen“ und „Berühren.“ und was ist eigentlich „mehr“?
Oft werde ich von Männern gefragt, ob man mich bei der Massage auch anfassen kann.
Oder die Herren möchten auch mich verwöhnen, da sie es sich so schön vorstellen oder so konditioniert sind. Dabei komme ich immer ein bisschen ins schleudern, da ich keine Pauschalantwort geben mag.
Da es ein großes Thema bei der Tantramassage ist, möchte ich diesem Thema jetzt einige Gedanken widmen.

Liebe Männer, ich kann euer Bedürfnis verstehen! Da gibt es keine Frage. Es ist eine Sehnsucht nach berühren, nach Haut spüren und auch nach Kontakt und Geilheit. Ich habe prinzipiell kein Problem damit, da ich es aus eigenem Erfahren gut verstehen kann, aber es gibt leider ein „aber“ dabei ...

Und das ist der kleine Unterschied zwischen „anfassen“ und „berühren“

Ich bin Tantrikerin und dementsprechend auch etwas sensibilisiert, was Kontakt und Berührung betrifft. Einige Jahre Arbeit und Spielerei auf dem Gebiet lassen mich sehr schnell Unterschiede erkennen in der Art wie angefasst und berührt wird. Und der große Unterschied ist die Absicht der Berührung.

Darauf möchte ich ein wenig genauer eingehen um diesen Unterschied verständlich zu machen.
Angefasst wird zumeist nach einem eigenen Bedürfnis, weil es dazu gehört zur Vorstellung von Erotik, weil wir es so gelernt haben oder weil es geil macht.

Nun ist die Tantramassage aber nicht dazu da, gewohnte Vorstellungen zu bedienen oder sich an bestimmten erotischen Vorstellungen aufzugeilen. Es geht mehr darum, den eigenen Körper als sinnlich-erotisches Feld wahr zu nehmen, zu erkunden und zu genießen.
Das geht wiederum besser, wenn ich nicht in gewissen Vorstellungen verhaftet bin, sondern mich dem eigentlichen gegenwärtigen Erleben öffne ...

Ich als Masseurin bin lediglich eine Art Werkzeug dafür, in diesen Körperraum einzutreten und du wirst bei mir viel Haut, Körperwärme und Erotik auf deinem ganzen Körper zu spüren bekommen. Wenn ich massiere bin ich in einer Art Flow, ich kommuniziere quasi mit deinem Körper, so gut es mir möglich ist und so gut es dein Körper vermag mit Atmung, Bewegung und Energie mir zu antworten. Dabei bin ich sehr stark auf dich und deine Körpersprache konzentriert. Wenn du mich dabei anfasst ist das eher eine Ablenkung, ich kann deine Berührungen nicht zeitgleich genießen, da ich ja mit der Aufmerksamkeit bei deinem Körper bin. Und du kannst meine Berührungen nicht wirklich zeitgleich genießen, weil du mit der Aufmerksamkeit in deinen Händen und bei mir bist.
So „reden“ wir quasi aneinander vorbei und sind nicht wirklich im Kontakt. Das ist zwar leider oft so in der Erotik, aber das ist nicht Tantra.
Und ich schätze mal, das war auch nicht deine Ausrichtung, die Massage zu buchen. Denn ich glaube, dass die Sehnsucht dahinter, die nach dem wirklichen Kontakt ist ...

Leider wissen wir oft aber viel zu wenig, über Berührung, wir haben so viel sinnloses Zeug in der Schule gelernt, aber wie Intimität und Sexualität wirklich funktioniert, hat uns leider keiner beigebracht.

Meiner Erfahrung nach, sind die meisten Männer, die anfassen möchten nicht mit mir im „hier und jetzt“ sondern im „mehr“.
Aber was ist dieses „mehr“, nach dem ich oft gefragt werde?

Ich glaube, das ist ein Teil unserer kapitalistischen Gesellschaftsstruktur, immer „weiter“ „schneller“ „höher“ und „mehr“ haben zu wollen. Und wir kommen doch nie da an, weil „mehr“ nicht „hier“ und nicht „jetzt“ ist, schlichte Gegenwart ...
Wenn ich „mehr“ will, bin ich im „Wollen“ und nicht im „Sein“. Und das ist eine Never-Ending-Story. Vielleicht finde ich kurzzeitige Befriedigung wie beim Konsumieren leckerer Eiskrem, aber es ist keine Erfüllung. Die Süße steigert kurzzeitig das Energielevel, aber fällt dann schnell wieder ab und es verlangt in mir bald nach mehr Süßem ...

Auch „anfassen wollen“ ist oft ein Teil von diesem „mehr“. Es ist eine Gewohnheit, wie Sexualität funktioniert. Aber ich möchte dich gern einladen, alte Gewohnheiten in Frage zu stellen, dich auf Neues einzulassen.

Und wie ist das für mich? Nun, es gibt da eben gewisse Unterschiede in der Qualität der Berührung und das ist eins der wichtigsten Tools im Tantra. Berührungsqualitäten zu schulen und auch zu unterscheiden lernen.

Wenn mich jemand fragt, ob er mich verwöhnen kann, weil es für ihn dazu gehört eine Frau auch zu verwöhnen möchte er etwas, was ich nicht unbedingt möchte.
Also mich zu verwöhnen ist sein Bedürfnis, nicht meins. Ich bin prinzipiell sexuell ausgelastet und meistens nicht bedürftig. Ich achte als erfahrene Körperarbeiterin darauf, meine „Batterien“ anderweitig aufzuladen und nicht die Energie von meinen Gästen zu nehmen. Der Energieausgleich findet bei einer gebuchten Tantramassage auf der finanziellen Ebene statt.

In unserer Gesellschaft ist es aber nicht gerade „in“, bedürftig zu sein, vor allem nicht für sich selbst. Somit wird dem unbewußt meist ein Deckmäntelchen angezogen, das sich dann „verwöhnen“ nennt.
Die Ausrichtung ist dabei aber nicht klar, wir haben es da mit einer sogenannten Doppelbotschaft zu tun. Der körperlichen Bedürftigkeit und dem ausgesprochenen angeblichen mich verwöhnen.

Nun ist es aber so, dass ich als Tantrikerin sehr feinspürig bin und mein Körper diese Doppelbotschaft wahrnimmt. Diese Unklarheit in der Berührung fühlt sich eben nicht gut an, auch wenn sie gut gemeint ist.
Und da kommen wir dann in ein Dilemma. Du willst mich verwöhnen, aber es fühlt sich für mich nicht gut an, du spürst wiederum auch, das es für mich nicht das Gelbe vom Ei ist und wir kommen in eine Negativspirale.
Oder du merkst es nicht, weil du dich selbst nicht gut spürst und gehst gut aufgeladen aus der Massage und ich bin kaputt und genervt und muß meine leer gewordenen Batterien anderweitig wieder aufladen.
Dass ich keine Lust habe, das allzu oft zu erleben, kannst du dir sicher vorstellen.

Und das ist ungefähr die Ausrichtung, die ich mit „anfassen“ gleich setze. In deiner Berührung ist keine Präsenz, kein Forschen, keine Neugierde und kein kennen lernen wollen. Es ist dein altes Bedürfnis, eine Wiederholung des Gewohnten, das nichts mit mir als Frau und Person zu tun hat. Kein menschliches Gegenüber auf Augenhöhe und nicht in Kommunikation miteinander ... eher ein Objekt. (der Begierde?)

Berühren fühlt sich allerdings ganz anders für mich an. Sehr berührend ... :-)

Und dazu braucht es nicht mal viel Wissen oder Erfahrung. Erstaunlicherweise sind es meine behinderten oder eingeschränkten Gäste, die trotz viel weniger Erfahrung eine tiefere Berührungsqualität mitbringen.
Wie kommt das, wirst du dich vielleicht fragen.
Nun, darüber habe ich mir auch sehr viele Gedanken gemacht, die eben jetzt in diesen Artikel münden.
Ich kann hier nur spekulieren ... aber vielleicht ist es so, dass unerfahrene oder eingeschränkte Menschen sich ihrer Bedürftigkeiten eher bewußt sind. Zwangläufig, denn die Gesellschaft stößt sie immer mit der Nase darauf. Sie brauchen kein Deckmäntelchen mehr dafür, die Situation ist eh klar.

Die Ausrichtung ist oft klarer, aus Mangel an Gelegenheiten haben sich noch nicht so viele Gewohnheitsmuster aufgebaut. Dadurch sind sie neugieriger, gegenwärtiger, forschungswilliger ... es ist etwas ganz besonderes Haut zu spüren, es werden keine alten Muster abgespult. So gehen beide glücklich, aufgeladen und erfüllt aus der Begegnung.

Deshalb möchte ich dich einladen, dir deiner inneren Ausrichtung bewußt zu werden, dir die Zeit dafür zu nehmen, zu erforschen, was du eigentlich willst. Nur so kann eine wirklich erfüllende Begegnung zwischen dir als Gast und mir als Masseurin statt finden. Der Schlüssel beglückender intimer und sexueller Begegnungen ist immer die Präsenz und Bewußtheit. Und das ist für mich Tantra!
Kein räucherstäbchengeschwängertes Wohlfühl-Eiapupeia und auch keine objektbezogene Geilheit (wobei Geilheit an sich kein Problem ist) sondern Bewußtheit in allem was ich bin und tue.

Ein sich Öffnen für den Moment und dem was als Geschenk darin zu finden ist ... fallen lassen, eintauchen ins spüren, genießen deines wundervollen Körpers und auch in der Berührung anwesend sein, so macht es auch mir Freude berührt zu werden ...

Und jetzt auf die Frage ob ich auch angefasst werden darf zurückkommend ... „anfassen“ nein, „berühren“ ja ...

Mit besten Dank an die Inspiration von Tobias N. Ruland in seinen Buch „Die Psychologie der Intimität“



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