Osho verstehen (von Helmut Keul)

Buddha saß mit einem seiner Schüler am Ufer.

 

Da kam ein Mann und fragte ihn:
"Gibt es Gott?"

Und Buddha sagte:

"Ja mein Freund, natürlich gibt es Gott!"

 

Ein Anderer kam und stellte dieselbe Frage:

"Meister, gibt es Gott?"

Buddha: "Nein mein Freud, es ist doch

offensichtlich, dass es Gott nicht gibt!" 

 

Nach einiger Zeit kam wieder ein Mann und auch er stellte Buddha dieselbe Frage. Buddha schloss die Augen und schwieg. Auch der Mann schloss die Augen. Nach einer längeren Zeit öffnete der Mann die Augen wieder und ging mit seligem Ausdruck von dannen.

 

Der Schüler hatte Buddhas Rede mitverfolgt und sein Erstaunen wuchs von Antwort zu Antwort. Er fragte Buddha: "Geliebter Meister, Du hast gerade eben

auf die gleiche Frage drei verschiedene Antworten gegeben. Das verstehe ich nicht?"

 

Buddha lächelte und sagt: "Aber mein Freund, warum verstehst Du das nicht?" Es waren doch auch drei verschiedene Menschen."


 

Die kleine Geschichte über Buddha gefällt mir sehr, denn sie erklärt die "Arbeitsweise" eines erleuchteten Meisters anschaulich.

Es geht nicht um die Frage, sondern um den Fragesteller. Der Meister sieht nur den Mensch, nie die Sache. Sein ganzes Bestreben ist es, diesem Menschen auf seinem Weg zu helfen. Der Meister schaut in das Herz des Fragenden. Er gibt dem Fragenden die Antwort, die ihm an der Stelle wo er steht am ehesten weiterhilft. Buddha konnte tiefer sehen, als sein Schüler, der nur die Frage hörte.

 

Buddha sah, dass der erste Frager Atheist war, so heißt es in der Geschichte weiter. Er wollte von Buddha nur eine Bestätigung, dass es Gott nicht gibt. Buddhas Lehre ist, dass es Gott als Person nicht gibt, aber er erklärt seinem Schüler ausführlich, warum er es vermieden hat den oberflächlichen Atheisten zu bestätigen.

 

Buddha sah, dass der zweite Frager ein blinder Gottgläubiger war, dem er am ehesten weiter helfen konnte, wenn er diesen blinden Glauben an ein fiktives Wesen zerstörte.

 

Der dritte Mann war völlig offen, völlig leer von Urteilen, er war bereits frei. Er war bereit, die Wahrheit zu empfangen. Buddha wusste, dass er bereit war für die höchste Erkenntnis. Er führte diesen Mann durch seine stille Präsenz zu sich selbst, zur Stille, zu seinem inneren Schatz, zur Göttlichkeit. Der Mann war selbst zum Buddha geworden.

 

 

Bei Oshos Lektüren begegnen uns diese scheinbaren Widersprüche ständig. Auffällig ist zum Beispiel, dass er Frauen auf ähnliche Fragen meist ganz andere Antworten gibt als Männern.

 

Schon bald machen wir Männer in der Beziehung die Erfahrung, dass Frauen nicht das gleiche meinen, wie wir Männer, auch wenn sie dasselbe sagen. Wir merken, dass unsere männlich logischen Antworten da oft wenig hilfreich sind, sondern die Lage eher noch verschlimmern. Damit provozieren wir die Partnerin nur. Wir können nicht fühlen, was sie wirklich meint. Und ihr ist es nicht klar, warum wir eine so offensichtliche "Geste" nicht verstehen und was jetzt diese dämliche Antwort soll. "Das macht der doch absichtlich", denkt sie sich. Nein, es ist in 99 von 100 Fällen keine Absicht. Ein Mann hat kein Interesse daran die Wut seiner Partnerin noch zu verstärken. Er weiß, dass er dabei den Kürzeren zieht. Nein, er kann sie einfach wieder und wieder nicht besser verstehen. Und die Frau kann nicht verstehen, warum der Mann sie nicht versteht. Jede Frau hätte sie natürlich sofort verstanden.

Natürlich. Männer sind mehr im Kopf und Frauen mehr im Herzen. Darum suchen Männer wie Frauen gerne auch die Gesellschaft ihresgleichen. Hier werden sie verstanden. Und die Männer unterhalten sich dann darüber wie "falsch" Frauen sind und umgekehrt unterhalten sich die Frauen darüber, wie "falsch" die Männer sind.

Osho hat wie wohl kaum ein zweiter Mensch Frauen und Männer studiert: "Weder Frauen noch Männer sind falsch, sie sind einfach grundlegend anders!" Frauen wurde über Jahrtausende eine bestimmte Rolle in der Gesellschaft aufgezwungen. Von Männern aufgezwungen. Teilweise mit gewalttätigen, teilweise mit subtilen Mitteln. Eine Frau trägt bereits mit der Geburt das Leid vieler Generationen von Frauen in sich als kollektive Konditionierung, erklärt Osho. Diese Konditionierung ist wie ein Rucksack immer dabei; schwingt bei jeder Frage mit. Auch Männer tragen ihre Rucksäcke, nur eben andere. Zum Beispiel den, dass ein Mann stark sein soll; keine Gefühle zeigen darf. Also wird ein Mann seine Frage so stellen, dass er seine Gefühle dabei nicht so sehr zeigt. Den Meister werden die Worte deshalb nicht allzu sehr interessieren. Er fühlt, um was es dem Fragesteller (tatsächlich) geht.

 

Jeder Mensch ist an einer anderen Stelle auf seinem Weg. Es gibt keine zwei gleichen Menschen. Ein erleuchteter Meister holt den Frager dort ab, wo er sich befindet. Er sagt ihm nicht mehr, als er vertragen kann. Trotzdem spricht er ihm nicht nach dem Mund. Er gibt ihm auch eine Herausforderung, an der er wachsen kann. Eine Wahrheit für ihn, die noch lange nicht die Wahrheit für einen anderen sein muss.

 

Doch das Phänomen Osho geht für mich noch viel tiefer. Ich spüre die Wahrheit in allem was er sagt sofort. Es ist ein Gleichklang, eine Harmonie, zwischen meinem Herzen und seinem. Es ist, wie wenn ich alles was ich höre in diesem Moment selber sagen würde. Es ist Kommunion, nicht Kommunikation.

Osho: "Bei Kommunikation spricht ein Verstand mit dem anderen Verstand. Bei Kommunion spricht ein Herz mit dem anderen Herzen. Kommunion ist der einzige Weg, von Wahrheiten zu sprechen, die jenseits des Verstandes sind. Die der Verstand nicht verstehen kann." Deshalb haben sich alle wirklichen Meister dafür entschieden zu sprechen und nicht zu schreiben, so Osho. Die eigentliche Übertragung findet zwischen den Zeilen statt.

 

Trotzdem, Osho ist ein Rhetoriker, wie ich noch keinen zweiten erlebt habe. Er versteht es Menschen mit tiefen Einblicken, viel Humor und spannenden Geschichten, oft aus seinem eigenen reichen Leben in den Bann zu ziehen. Er versteht es, komplexe Zusammenhänge in so einfache und klare Worte zu kleiden, dass man sich wundert erst jetzt darauf gekommen zu sein. Und er versteht es wie kein zweiter, in kürzester Zeit alle Grenzen einzureißen. Alles was wir glauben, was wichtig sei in unserem Leben, ad Absurdum zu führen. Er macht klar Schiff im Verstand der Suchenden. Wirft alle Konditionierungen über Bord, im Wahnsinnstempo, und schafft Platz für tiefere Einsichten:

 

Dafür, dass die Sicherheit nicht im Bankkonto oder einem guten Job zu finden ist, sondern nur in uns selber.

Dafür, dass Grenzen zwischen Staaten keine Notwendigkeiten sind, sondern lediglich Abgrenzungen des Egos.

Dafür dass alle Politiker behaupten und immer behauptet haben, sie seien für Friede und Sicherheit, sie aber tatsächlich Kriege und Unsicherheit brauchen, denn sonst würden sie selber nicht gebraucht.

Dafür, dass alle Priester und Heiligen behaupten, dass sie uns vor dem Teufel bewahren möchten. Dass sie aber nicht sagen, dass wenn der Teufel nicht existiert, wir auch keine Priester brauchen.

 

Wegen dieser Klarheit war Osho eine Bedrohung für die Mächtigen dieser Welt. Wenn die Menschen ohne Konditionierungen und ohne Grenzen im Denken einfach frei sein würden, sind sie nicht mehr regierbar. Wenn sie keine Angst mehr haben, brauchen sie keine Religionen und keine Bomben mehr. Wenn sie den Frieden in sich gefunden haben, sind sie nicht mehr bereit, sich gegen andere aufhetzen zu lassen oder gar zu töten. Wenn sie gelernt haben sich selbst bedingungslos anzunehmen und zu lieben, werden sie erstmals auch andere bedingungslos annehmen und lieben können. Ja sie werden zum ersten mal erfahren haben, was Liebe ist. Wenn Menschen Erfüllung in der Partnerschaft und Sexualität finden, brauchen sie keine scheinbare Erfüllung mehr im Geld, in der Macht oder in der Pornographie zu suchen. Diese Welt würde durch Oshos Botschaft aus den Angeln gehoben. Und das wollten die Nutznießer dieser Welt um keinen Preis. Deswegen wurde er zeitlebens mit allen Mitteln bekämpft. In erster Linie durch Medienpropaganda.

 

Das hat sich inzwischen geändert. Tote sind nicht mehr so gefährlich wie zu Lebzeiten.

 

Alle über 650 Bücher von Osho, die bis heute erschienen sind, wurden von Ihm nicht selbst geschrieben. Es handelt sich um Aufnahmen aus Satsangs, so genannten Diskursen, in denen er täglich, Jahr für Jahr in tausenden Stunden Fragen beantwortet hat.

 

Insbesondere seit den 80er Jahren gibt es hervorragende Videoaufnahmen aller Diskurse, z.B. bei http://www.meditationandmore.de. Osho sagt, dass es nicht seine Worte sind, die uns helfen können. Sie sind nur Beiwerk. Es ist seine Stille, sein Friede, seine permanente Meditation, seine Liebe. Wir erfahren eine Ebene, die wir nicht kennen, bzw. nicht mehr kennen, seit wir im Alter von drei oder vier Jahren unseren Egoverstand entwickelt haben. Seit wir in "Meins" und "Deins" trennen.  Seither erleben wir nur Getrenntheit.

Oshos Präsenz ist für mich ein Eintauchen in die Liebe, eine Ahnung vom Mahamudra, dem Einsein mit allen Wesen. Es gibt für mich keine tiefere Meditation, die dabei auch noch spannend, interessant und fast immer auch lustig ist.

 

Abschließend möchte ich Dir, lieber Leser, ein Buch ganz besonders ans Herz legen:

 

Ganz entspannt im Hier und Jetzt, erschienen 1979 im Rowohlt Verlag, von Swami Satyananda (Jörg Andrees Elten).

Der bereits seit Jahrzehnten bekannte Polit-Reporter Andrees Elten sollte im Frühjahr 1977 im Auftrag des "Stern" eine Reportage über den Aschram von Bhagwan Shree Rajneesh (heute Osho) machen. Für ihn sollte es zum größten Abenteuer seines Lebens werden. Osho begrüßte Andrees mit den Worten: " Da bist Du ja endlich! Ich habe gewartet und gewartet..." Bereits nach einigen Tagen nahm Andrees Elten Sannyas und erhielt von Osho den Namen Satyananda (wahre Seligkeit).

Ein Jahr später schreibt er in Oshos Auftrag das Buch "Ganz entspannt im Hier und Jetzt, Tagebuch über mein Leben mit Bhagwan in Poona". Satyanada schreibt authentisch und fesselnd. Das Buch wird zum Bestseller und tausende Deutsche gehen nach Poona, und gründen in Oshos Auftrag Zentren und Kommunen in Deutschland.

Ich habe das Buch nicht gelesen; ich habe es gefressen!



 

Herzlichst

Helmut

 

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