1972: Meditationscamp in Mount Abu, Rajasthan, Indien
Auszug aus dem Buch "Osho, Autobiographie eines spirituellen Provokateurs"

Dynamische Meditation erklärt von Osho vor über 40 Jahren

Die heutige Morgenmeditation hat 4 PhasenDie ersten 10 Minuten sind schnelles Atmen. Tretet durch euren Atem ins Leben ein. Atmet mit voller Kraft und Energie. Atmet mit eurem ganzen Leben, so dass jedes mal, wenn der Atem hinausgeht, eure Seele hinauskommt, und wenn der Atem hineingeht, die ganze Existenz in euch hineinkommt. Atmet so intensiv, dass ihr alles andere vergesst.
Nur noch der Atem bleibt. Werdet sozusagen zum Atem!

Wenn ihr 10 Minuten lang so intensiv atmet, erwachen sämtliche Energien, die in euch schlummern. Ihr werdet alle Kräfte in euch wach rufen und aktivieren, an die ihr sonst nie rührt. Wenn ihr aber geizig seid, wird es nichts bewirken. Denkt nicht im Hinterkopf: "Wenn ich langsamer atme, reicht es auch. Vielleicht erwacht nicht soviel Energie, aber wenigstens ein bisschen ..." Nein, überhaupt keine. Der Prozess des Erwachens beginnt nämlich nur dann, wenn eine gewisse Grenze erreicht ist. Es ist so, wie wenn man das Wasser erhitzt. Es muss auf 100 Grad erhitzt werden, bevor es sich in Dampf verwandeln kann. Glaubt nicht, dass es sich schon bei 30 Grad "Ein bisschen" in Dampf verwandelt oder dass ein bisschen davon zu Dampf wird.



 

Nein, hier ist die Mathematik nicht anwendbar. Es verwandelt sich nur bei 100 Grad in Dampf. Meint bloß nicht dass bei 50 Grad wenigstens die Hälfte davon zu Dampf wird. Nein, kein bisschen wird zu Dampf. Erst bei 100 Grad wird es beginnen sich in Dampf zu verwandeln.

Und was sind diese 100 Grad? Mit Wasser ist es überall dasselbe. Wo immer man Wasser erhitzt, egal in welcher Ecke der Welt, wird es bei 100 Grad zu Dampf. Ob das Wasser aus einem Teich oder Fluss, aus einem Wasserhahn oder als Regen vom Himmel kommt. Egal woher, es sagt nicht: "Ich bin aber aus einem Brunnen" oder aus einem Fluss, sondern wird bei 100 Grad einfach zu Dampf.

Beim Menschen ist es schwieriger, da er eine Persönlichkeit und seine individuelle Art hat. Jedes Individuum wird bei seiner individuellen Temperatur zu Dampf. Oder mit anderen Worten: 100 Grad sind bei jedem Menschen etwas anderes. Auch der Mensch wird erst bei 100 Grad zu Dampf, aber 100 Grad sind bei jedem Menschen verschieden.

Eins ist sicher: Du kannst nur selbst beurteilen wann du 100 Grad erreichst. Du kannst es daran messen, ob du dich überhaupt nicht mehr zurück gehalten hast. Du hast 100 Grad erreicht, wenn du dich mit totaler Anstrengung ganz einbringst, wenn du absolut sicher bist, dass du dich in nichts zurück hältst. Und kein anderer hat etwas damit zu tun. Es ist deine eigene Sache. Die anderen können es also mitkriegen oder auch nicht - darum geht es nicht.

Nur du musst wissen, dass du dich nicht zurück hältst, dass du dich selber total einbringst. Wenn du dich vollkommen einbringst, bist du bei 100 Grad. Dann brauchst du dich um nichts zu sorgen.

Es kann auch sein, dass sich dein Nachbar mehr anstrengt als du und trotzdem seine 100 Grad nicht erreicht. Vielleicht hält er sich noch zurück. Es kann auch sein, dass sich jemand anderes weniger anstrengt als du und schon bei 100 Grad ist. Er hat sich ganz und gar eingesetzt.

Kümmere dich deshalb nicht um die anderen. Sei dir innerlich im Klaren darüber, ob du dich selbst ganz und gar aufs Spiel setzt. Meditation ist ein Spiel. Bei anderen Spielen setzen wir etwas aufs Spiel und in der Meditation setzen wir uns selbst aufs Spiel.

Es ist mit Sicherheit eher etwas für Spieler als für Geschäftsleute, da ein Geschäftsmann immer darauf achtet, dass er sowenig wie möglich riskiert, selbst wenn der Gewinn nicht groß ist. Für einen Spieler ist es wichtig große Gewinne zu machen, auch wenn er riskiert alles zu verlieren. Das ist der Unterschied zwischen einem Spieler und einem Geschäftsmann.

Meditation ist auf keinen Fall ein Unternehmen für einen Geschäftsmann. Meditation ist absolut etwas für einen Spieler. Er setzt sich selbst total aufs Spiel, egal was passiert.

Es gibt einen Unterschied: beim äußeren Spiel hat man vielleicht ganz selten einen Gewinn. Ich sage "vielleicht", weil man immer die Illusion hat, dass es eines Tages passieren wird, obwohl es nicht passiert. Es passiert nie. Und wenn man mal beim äußern Spiel gewinnt, dann ist es immer nur der Beginn eines größeren Verlusts. Selbst ein Gewinn führt einen nur in die Versuchung, die den Verlust nur noch größer macht.

Deshalb kann ein Spieler nie gewinnen. Auch wenn er noch so oft gewinnt, er ist kein Gewinner, da er letztendlich nur verliert.

Beim inneren Spielen ist es genau umgekehrt: Selbst eine Niederlage ist nur der Beginn eines Gewinns, der kommen wird. Ein Meditierender verliert letztendlich nie. Er verliert oft, aber letztendlich gewinnt er. Glaub nicht, dass ein Mahavira oder Buddha vom ersten Tag an gewinnt, dass ein Mohammed oder Christus vom ersten Tag an gewinnt. Nein, niemand gewinnt am ersten Tag. Sie haben böse Verluste! Aber letztendlich gewinnen sie.

Atmet also 10 Minuten intensiv und bringt euch dabei mit aller Totalität ein. Dann, nachdem ihr 10 Minuten intensiv geatmet und eure Energie geweckt habt, werft sie hinaus! Es ist egal, auf welchem Weg sie heraus kommen will. Dein Körper kann springen, hopsen, tanzen, heulen, schreien, Töne von sich geben, kann scheinbar völlig irrsinnig werden - du hinderst ihn nicht daran. Du lässt ihm völlig freien Lauf und unterstützt ihn dabei. Wenn dein Körper völlig verrückt werden will, lass ihn verrückt werden.

Warum?
Weil sich in uns eine unendliche Anzahl von Irrsinnigkeit angesammelt hat. Du lässt den Körper völlig verrückt werden. Völlig verrückt heißt, dass du überhaupt keine Angst zu haben brauchst, wie: "Was mache ich denn da? Ich bin Professor an der Hochschule! Was soll das denn, was ich da mache?"
Oder: "Ich bin Arzt und hüpfe hier wie ein Blöder herum! Was mache ich denn da? Wenn mich bloß keiner von meinen Patienten so sieht!"

Ein Arzt ist befangen aus Angst vor seinem Patienten. Ein Lehrer ist befangen aus Angst vor seinem Schüler und ein Ladenbesitzer ist befangen aus Angst vor seinem Kunden. Egal, vor wem du Angst hast - verrückt zu werden bedeutet, dass du all diese Ängste loslässt, ohne Rücksicht darauf, wen diese Angst betrifft. Der Mann hat Angst vor seiner Frau und die Frau hat Angst vor ihrem Mann. Der Vater hat Angst vor dem Sohn und der Sohn hat Angst vor dem Vater.

Egal, wovor du Angst hast, werde verrückt, und das bedeutet: "Jetzt lasse ich alle Ängste sausen!" Ohne Angst kannst du alles zulassen, was geschehen will.

Wir häufen den Wahnsinn tagtäglich in uns an. Es ist, als hätte man Müll im Haus. Und man versteckt ihn in einer Ecke und häuft ihn immer weiter an. Dadurch wird das ganze Haus schmutzig. Eines Tages fängt das Haus an zu stinken. Eines Tages spitzt sich die Situation so zu, dass man nichts anderes als Müll im Haus hat. So wie wir jetzt sind, tun wir genau das mit uns selbst. Alles, was wir an Müll im Kopf haben, häufen wir ständig weiter an. Ob es nun Wut oder Unehrlichkeit oder Hass ist - wir sammeln alles immer weiter an.

Im Laufe der Zeit hat sich soviel angesammelt, dass wir unser Leben nur noch damit zubringen, es irgendwie hinzukriegen, dass ja nichts herauskommt, dass es nicht heraus fällt, dass wir uns nicht bloß stellen, damit es ja niemand sieht. Und dann bekommen wir solche Angst davor, dass wir ganz damit aufhören, nach innen zu schauen. Denn die Angst ist zu groß geworden und der Müll zuviel. Wir haben Angst, dass er entdeckt wird.

Nur diejenigen können sich auf Meditation einlassen, die bereit sind, den ganzen Müll hinaus zu werfen. Ist er einmal draußen, wird es hell und leicht in dir. Die zweite Phase ist also die Katharsis, bei der du alles hinaus wirfst, so dass du dich innerlich gereinigt fühlst. Um den Müll hinaus zu werfen, musst du deinen ganzen Mut zusammen nehmen. Wenn du das tun kannst, wirst du ein völlig anderer Mensch. In der zweiten Phase kannst du völlig verrückt werden.

In der dritten Phase ruft ihr laut "hu"! Ihr wiederholt dieses "hu" 10 Minuten lang und springt dabei auf und ab. Der Laut "hu" ist wie ein Hammer - ihr hämmert damit. In euerem Körper befindet sich um das Sexzentrum herum eine Energie, die im Yoga "Kundalini" genannt wird. Oder man kann ihr einen anderen Namen geben, wenn man will. Die Wissenschaftler nennen sie heute auch Bioelektrizität. Diese Energie verbirgt sich dort, und ruft man tief und laut "hu"!, wird die dort schlummernde Energie aktiviert. Früher haben die Weisen dafür die Analogie von der Schlange benutzt, die sich dort aufgerollt verbirgt. Versetzt man der Schlange einen Schlag, richtet sie sich mit erhobenem Kopf auf und ist nicht mehr aufgerollt.

Wenn sich die Schlange weiter aufrichtet, steht sie fast auf ihrem Schwanz. Genau so ist diese schlummernde Energie in uns. Wenn wir auf sie einhämmern, steigt sie nach oben.

Doch das Hämmern sollte nur dann geschehen, wenn du vorher die Gelegenheit hattest, deinen inneren Wahnsinn nach draußen zu werfen. Ansonsten richtet sie sich mitten in deinem Wahnsinn auf und dann kannst du tatsächlich verrückt werden. Deshalb passiert es öfters, dass spirituelle Sucher verrückt werden. Es liegt daran, dass ihre Kundalini nach oben steigt, ohne das sie vorher durch eine tiefe Reinigung gegangen sind. Man kann verrückt werden, wenn man dabei nicht wissenschaftlich vorgeht. Es ist unbedingt notwendig sich vorher zu reinigen.

Die ersten beiden Phasen dienen also dazu, sich gründlich zu reinigen. In der ersten Phase werden alle Energien in dir geweckt. In der zweiten Phase wird alles hinausgeworfen, was mit der geweckten Energie in Konflikt steht. Und in der dritten Phase kann die Kundalini, die dort unten schlummert, nach oben steigen.

Ruft also 10 Minuten lang mit äußerster Intensität "HU!"
Und in der vierten Phase legt ihr euch hin wie eine Leiche, als ob ihr überhaupt  nicht da wärt - ganz ruhig. Lasst euren Körper vollkommen entspannen, als wärt ihr tot. Und dann wartet mit geschlossenen Augen, innerlich ganz still. Nun wird viel geschehen. In diesem Zustand des inneren Wartens kann viel passieren.

Ich habe das Gefühl, dass diese Meditationstechnik, die ich euch gebe, früher oder später eine große Bedeutung in der Therapie haben wird. Man wird sie als Methode zur Behandlung von geistig gestörten Menschen einsetzen, die sie wieder gesund machen kann.
Und wenn es möglich wäre, sollten alle Kinder in der Schule diese Meditationen machen. So können sie ihr ganzes Leben vor Geisteskrankheiten bewahrt werden, da sie ihr eigener Meister bleiben, Meister ihres Körpers und Meister ihres Geistes.

Wenn jemand wirklich meditiert, verliert er seine innere Unruhe, hört auf zu denken und seinen Körper zu bewegen und wird zur Marmorstatue, völlig still und unbewegt. In dem Moment sammelt sich seine Energie wie in einem Becken. Und er bekommt eine ungeheure Kraft. Wenn du jemanden meditieren siehst, setze dich einmal daneben - es wird dir gut tun. Setzt du dich neben jemanden, der meditativ ist, kannst auch du in diesen Zustand der Meditation kommen. Seine Energie kann dich aus deinem Chaos herausholen.

Meditation ist nichts anderes als absolute Ruhe.

Wie man diese absolute Ruhe herbeiführt, hängt von vielen Faktoren ab. Es gibt tausende von Methoden, um zur Ruhe zu kommen. Meine eigenen Methoden sind so, dass ihr zuerst so unruhig wie möglich werden sollt, damit nichts in euch hängen bleibt. Die Unruhe wird hinausgeworfen und dann geht ihr in die Ruhe. Dann stört euch nichts mehr. Es wird euch leichter fallen.

Zu Buddhas Zeiten waren solche dynamischen Methoden unnötig. Die Menschen waren einfacher, authentischer, sie führten ein wirklicheres Leben. Heute haben die Menschen vieles aus ihrem Leben verdrängt. Ihr Leben ist unwirklich geworden. Sie lächeln, wenn sie gar nicht lächeln wollen. Sie sind nett, wenn sie eigentlich wütend sein wollen. Die Menschen sind falsch; ihre ganze Lebensart ist falsch. Die ganze Kultur ist ein Ausdruck von Falschheit. Die Menschen schauspielern, sie leben nicht. So vieles bleibt ungelebt. Viele ungelöste Erfahrungen werden im Unterbewusstsein gesammelt und angehäuft.

Deshalb hilft es nicht, wenn man direkt stilles Sitzen übt. Sobald du dich still hinsetzt, siehst du alle möglichen Dinge in dir vorgehen. Du wirst das Gefühl haben, dass es beinahe unmöglich ist, still zu sein. Du musst diese Dinge zuerst hinauswerfen, damit du diesen natürlichen Zustand von Ruhe erfährst. Die wirkliche Meditation erfährst du erst dann, wenn du Ruhe hast.

Alle dynamischen Meditationstechniken sind nur eine Vorbereitung für wirkliche Meditation. Sie sind nur eine Grundvoraussetzung, die erfüllt werden muss, damit Meditation geschehen kann. Glaubt nicht sie seien Meditation. Sie sind nur die Einführung, das Vorwort. Wirkliche Meditation beginnt erst, wenn alle Aktivität aufgehört hat - die Aktivität des Körpers und die Aktivität des Geistes.

Meditation heißt nicht, "über etwas" zu meditieren, sondern einfach du selbst zu sein - ohne dich aus deiner Mitte fortzubewegen, ohne dich überhaupt zu bewegen. Du bist nur du selbst, so total, dass jedes Flackern aufhört.. Die innere Flamme bleibt unbewegt. Alles andere ist verschwunden. Nur du bist. Kein einziger Gedanke ist da. Die ganze Welt ist verschwunden. Der Verstand ist nicht mehr da. Nur du bist - in deiner vollkommenen Reinheit.

PS:
Im Laufe der Zeit hat Osho die vierte Phase der Dynamischen Meditation abgeändert. Sie endet nun mit einem plötzlichen "STOPP!", und man bleibt wie erstarrt stehen, anstatt sich hinzulegen. Dann fügte er eine fünfte Phase hinzu, in der man fünft Minuten lang tanzt und seine Freude ausdrückt. Die Dynamische Meditation soll man morgens machen und ergänzend dazu hat Osho die Kundalini Meditation für den Abend entwickelt.
Diese beiden Meditationstechniken werden von speziell dafür komponierter Musik begleitet um den Prozess zu unterstützen.

Hier gibt es eine Video Anleitung für die Dynamische Meditation, 4 Minuten
 

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