Die guten alten Dinge kannst Du vergessen - von Stewart Brand

(Der New Yorker Literaturagent John Brockman stellt jedes Jahr Hunderten führenden Wissenschaftlern und Zukunftsforschern eine Frage und veröffentlicht ihre Antworten unter www.edge.org, englischsprachig. Nämlich, worüber die Befragten ihre Meinung geändert haben.)

In den 90er Jahren habe ich den großen Erfolg der Bürgerbewegung gepriesen, die sich der Erhaltung und Restaurierung alter Gebäude verschrieben hatte. Lasst uns die Infrastruktur und die Tradition alter Gebäude und Stadtteile erhalten! Lasst uns die Schiebefenster vor dem Aussterben bewahren!

Als Junge im ländlichen Illinois schaute ich mir verträumt die Reklamebilder der Jachten an, die sich hinten in den Büchern über Segelboote befanden. Ich wusste was ich wollte - eine Ketsch mit Gaffeltakelung! Aus Holz natürlich.

Die Leute, die den Bestellkatalog für Weihnachten machten, wissen, was sich meine Altersgruppe wünschte, ich bin heute 69 Jahre. Den Kindern schenken wir Bauklötze oder eine Spielzeugeisenbahn. Uns selbst schenken wir einen schicken Ledergürtel oder ein feines Baumwollhemd. Wir studieren Kataloge mit mit Nachbildungen alter Haushaltswaren. Mein eigener "Whole Earth Catalog" damals war, wie könnte es anders sein, eine endlose Parade von diesem Zurück-zur-Natur-Zeugs.

Ich habe dann ein paar Segelboote aus Holz gekauft. Ihre Gaffeltakelung erlaubte kein Segeln nach Luv. Es war ein Alptraum ihre undichten Rümpfe und Decks instand zu halten. Ich lernte, dass Fiberglasrümpfe, über die wir alle unsere Witze machten, denen aus Holz in jeder Hinsicht überlegen waren.

Als ich vor zwei Jahren ein altes Bauernhaus wieder in Schuss brachte und die Schiebefenster austauschte, entdeckte ich den derzeitigen Stand der Fenstertechnologie. Ein Standardfenster, hergestellt mit genau den gewünschten Maßen, hat hervorragende Isolationseigenschaften, ausgezeichnete Scharniere, Kurbeln und Schlösser, einen ausklappbaren Schirm und es sieht sehr gut aus. Das Gleiche gilt für neuartige Türen, die Kücheneinrichtung und sogar Möbelfüße, die man bekommen kann, und alles in seiner Qualität deutlich verbessert.

Langsam wurde mir klar: Die guten alten Dinge kannst Du vergessen. Sich an die schönen alten Sachen zu klammern, ist wie in den Bergen ein Hemd aus 100% Baumwolle zu tragen, das ist einfach Schwachsinn.


Was ich noch zu sagen hätte:
Diesen kurzen Bericht habe ich in der Zeitschrift "What is Enlightment" gefunden. Mich hat er deshalb sehr angesprochen, da ich selbst alten Dingen sehr gerne den Vortritt gebe. Ganz einfach aus Erfahrung und aus einem Lebensgefühl heraus. Ich mag nun mal lieber meinen guten alten Holzherd. Er vermittelt mir ein Stück Kultur und Ruhe. Das Holz, das er benötigt, damit ich kochen kann und es im Winter warm habe, spalte ich selbst in der Scheune. Mein Apfelkuchen oder Holzofenbrot ist unbeschreiblich. Die andere Seite ist, dass auch ich an alten Dingen hing, die wirklich nicht mehr tauglich waren. Eine schöne alte und vor allem schwere Eicheneingangstür hatte es mir angetan. Sie wurde von altem DDR-Lack befreit und geschliffen, kleine Glasfenster wurden eingesetzt und letztendlich wurde sie unter vielen Mühen eingebaut. Das Ende vom Lied war, dass sie nicht dicht zu bringen war. Es zog im Winter durch die Ritzen. So musste ich auch einsehen, dass die neue Technologie von besserem Nutzen ist.
Ich unterscheide, welche alten Techniken und Dinge mein Leben erfreuen und wo ich gerne darauf verzichte.
Sehr interessant finde ich, dass die Befragten darüber sprechen, dass sie  ihre alte Meinung verlassen haben und warum. Es ist durchaus in Ordnung seine Meinung zu ändern, das ist kein Zeichen von Schwäche sondern ein Zeichen von Entwicklung.

Herzlichst Marion

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