Die Ideen des Peter Russel
Von Richard Beiderbeck im Okt. 2001, www.koinae.de

1. Die GAIA-Hypothese von Jim E. Lovelock

Lovelock stellt fest: Wenn man die Kriterien, durch die sich Lebewesen von unbelebter Materie unterscheiden, auf den Planeten Erde anwendet, zeigt es sich, dass die Erde unter die Kategorie „Lebewesen“ fällt. Die Erde hat sich z. B. eine Biosphäre geschaffen, welche Temperatur und Zusammensetzung der Erdatmosphäre genau reguliert, so wie Lebewesen Köpertemperatur und Stoffwechsel regulieren. Die Erde ist ein selbstorganisierendes System.


2. Die Global-Brain-Theorie von Peter Russell

Aufbauend auf Lovelocks Gaia-Hypothese sagt Russel: Das Leben schreitet von einfachen zu immer komplexeren Formen fort. Die Strukturen werden immer differenzierter und die Einzelteile sind immer mehr miteinander verbunden und organisiert. Der vorläufige Höhepunkt dieser sich immer mehr beschleunigenden Entwicklung ist der Mensch und die menschliche Zivilisation. Die Entwicklung geht aber nicht mit gleichbleibend beschleunigtem Tempo voran, sondern es gibt Evolutionssprünge. Die Menschheit befindet sich zur Zeit in einem solchen Evolutionssprung: Das Informationsszeitalter ist angebrochen, das letztlich dazu führen wird, dass der Planet Erde mit einem globalen Gehirn ausgestattet ist. Die Gedanken Teilhard de Chardins aufgreifend, dass die Menschheit auf dem Weg zur Vereinigung der gesamten Spezies zu einer einzigen Gruppe mit interaktivem Denken ist, erwartet Russel, dass sich die Menschen zu einem „globalen sozialen Superorganismus“ zusammenschließen und ein integriertes planetares Bewußtsein entwickeln. Dies wird nach seiner Ansicht dann eintreten, wenn sich die Erdbevölkerung bei etwa 10 Milliarden Menschen stabilisiert hat.

Aus der integrierten geistigen Interaktion von Milliarden bewusster Wesen soll nach Russel ein planetares Bewußtseinsfeld entstehen, das GAIA-Feld. Dadurch wird der Planet Erde erwachen und zu einem planetaren Bewußtsein erwachen.

Unglücklicherweise befinden wir uns in einer gefahrenträchtigen Übergangsphase. Aber Krisen können auch die Evolution beschleunigen.

Vorraussetzung für das Entstehen des planetaren Bewusstseinsfeldes ist, dass sich die mentale Einstellung des Menschen ändert. Der heutige Mensch sieht sich als von der übrigen Welt getrenntes Selbst. Der Philosoph und Theologe Alan Watts spricht vom „hautverkapselten Ich“. Der Mensch unterscheidet klar zwischen „Ich“ und „Nicht-Ich“. Das Gegenteil dieser Betrachtungsweise ist das Selbstbild der Mystiker und Yogis: In Wirklichkeit gibt es nur ein kosmisches Selbst, das mit der übrigen Schöpfung eins ist: Atman ist Brahman.

Die heutigen Probleme der Menschheit sind auf den Egoismus der menschlichen Individuen zurückzuführen, welche den eigenen Vorteil über das Gesamtwohl des Planeten stellen. Hier fordert Russell einen Paradigmenwechsel. Der ist nur denkbar, wenn die Menschheit eine höhere Bewusstseinsstufe erlangt.

Russell greift die Formulierung Lovelocks auf, der in der heutigen Menschheit ein „planetares Krebsgeschwür“ sieht. Um den Krebs zu heilen, muß sich Menschheit innerlich weiterentwickeln und erkennen, dass sie mit der Schöpfung eins ist.

Als ein Mittel zur Erlangung des kosmischen Bewusstseins sieht Russell die Meditation an. Durch Meditation soll der Mensch sein „Ichbewusstsein“ auslöschen und das „kosmische Bewusstsein“ erlangen.

Da zunächst nur sehr wenige Menschen das kosmische Bewusstsein erlangen, schlägt Russell vor, technische Methoden wie das Biofeedback heranzuziehen bzw. zu entwickeln, um so das kosmische Bewusstsein allmählich zu immer größerer Verbreitung zu bringen.

Russell hofft, dass mit einer steigenden Zahl der Menschen mit höherem Bewusstsein immer mehr Normalmenschen sich anschließen werden. Russell glaubt, dass schon eine kleinere Zahl von Menschen mit höherem Bewusstsein auf irgendeine magische Art ihr Bewusstsein auf die übrigen Menschen übertragen kann.

Hier begibt sich Russell dann auf das Gebiet der Parapsychologie und der außersinnlichen Wahrnehmung und Telepathie. Er meint, dass zwei Menschen, die gleichzeitig meditieren, sich gegenseitig unterstützen können, eine tiefere Versenkung und einen höheren Bewusstseinszustand zu erlangen.
 

Russell greift auf die Theorie des „morphogenetischen Feldes“ von Rupert Sheldrake zurück (Rupert Sheldrake: „A New Science of Life“). Wenn einmal auf der Welt etwas erschaffen oder entstanden ist, ist dadurch ein morphogenetisches Feld entstanden, das es erleichtert, dass dieser Vorgang auch irgendwo anders stattfindet. Wenn also einige Menschen das kosmische Bewusstsein erreicht haben, wird es für andere Menschen leichter sein, es ihnen nachzutun – dank des morphogenetischen Feldes. Wenn die Zahl der Menschen, die das kosmische Bewusstsein erreicht haben, eine bestimme „kritische Masse“ überschreitet, wird sich das kosmische Bewusstsein sehr schnell allgemein ausbreiten – hofft Russell.

Russel macht bei dem planetaren Bewusstsein nicht halt. Die Erde wird andere Planeten zum Erwachen bringen und es wird ein Superorganismus von miteinander kommunizierenden und sich integrierenden Planeten entstehen, die ein galaktisches und schließlich ein kosmisches Bewusstsein entfalten.

Russells „Global Brain“ ist also letztlich ein System von Milliarden von Menschen, die intensiv miteinander kommunizierend (möglicherweise auch durch Telepathie) eine Art Supergehirn bilden. Der Übermensch ist nicht der einzelne Mensch, sondern die gesamte Menschheit. Der einzelne Mensch unterscheidet sich aber von dem heutigen Menschen dadurch, dass er das planetare und kosmische Bewusstsein erlangt hat und deshalb nicht seine egoistischen Interessen, sondern das Wohl der Gesamtheit in den Vordergrund stellt.

Hier gehts zum Film:
The Global Brain nach dem Buch von Peter Russel -Die erwachende Erde-

Quellen:

Jim E. Lovelock: „Unsere Erde wird überleben – GAIA – Eine optimistische Ökologie“, aus dem Englischen übersetzt von Constanze Ifantis-Hemm,

Heyne-Buch Nr. 01/7246, erschienen 1982 im Piper-Verlag, ISBN 3-453-01913-X

Titel des Originals (erschienen 1979): GAIA – A New Look At Life On Earth

Peter Russel: “Die erwachende Erde – unser nächster Evolutionssprung”, aus dem Englischen übersetzt von Otto Wilck

Heyne Sachbuch Nr. 19/160, erschienen 1982 im Heyne-Verlag, München, ISBN 3-453-05106-8

Titel der englischen Originalausgabe: „The Awaking Earth – The Global Brain“

Andreas Giger: „Vom Chaos zur Ekstase“, erschienen 1990 im Rowohlt-Taschenbuch-Verlag Hamburg, 1280-ISBN 3 499 18730 2

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