Der Skeptizismus der Gläubigen  - von Rupert Sheldrake

(Der New Yorker Literaturagent John Brockman stellt jedes Jahr Hunderten führenden Wissenschaftlern und Zukunftsforschern eine Frage und veröffentlicht ihre Antworten unter www.edge.org, englischsprachig. Nämlich, worüber die Befragten ihre Meinung geändert haben.)

Ich habe Skeptizismus immer als eine der wichtigsten intellektuellen Tugenden gehalten, deren Ziel die Wahrheit ist. Ich habe meine Meinung geändert. Heute sehe ich ihn als Waffe an.
Die Kreationisten haben mir die Augen geöffnet. Sie benutzten die Technik des kritischen Denkens, um Schwächen bei der Eindeutigkeit der natürlichen Auslese, Lücken in der Dokumentation fossiler Funde und Probleme der Evolutionstheorie aufzudecken. Suchen sie dabei nach der Wahrheit? Nein. Sie glauben, die Wahrheit schon zu kennen. Skeptizismus ist eine Waffe, mit der sie ihre Glaubenssätze verteidigen, indem sie ihre Gegner angreifen.
Der Skeptizismus ist auch eine wichtige Waffe zur Verteidigung eigener kommerzieller Interessen. Laut Davis Michaelis, Staatssekretär für Umwelt, Sicherheit und Gesundheit im US-Energieministerium der 90er Jahre, wird die von der Tabakindustrie angewandte Strategie, Zweifel an unangenehmen Beweisen zu erregen, heute von Firmen benutzt, die giftige Produkte wie Blei, Quecksilber, Vinylchlorid und Benzin herstellen. Wenn man sie mit Beweisen dafür konfrontierte, dass ihre Aktivitäten Schäden verursachen, war die Standardantwort der Firmen, Wissenschaftler anzuheuern, um Verwirrung zu stiften und Ergebnisse, die gegen die Interessen der Industrie sprachen, als "unwissenschaftlich" zu brandmarken. Wie Michaelis anmerkte: "Sie kommen fast immer zu dem gleichen Ergebnis: "Die Beweise seien zweifelhaft, regulative Maßnahmen seien ungerechtfertigt."
Sir Leslie Stephen, Vater von Virginia Woolf sagte, dass Skeptizismus unvermeidlicherweise einseitig sei. In Anbetracht der großen Anzahl von Glaubensrichtungen, sind die so genannten Skeptiker genauso gläubig wie ihre Widersacher. Damals wie heute haben die, die sich als Skeptiker bezeichnen, selbst einen starken Glauben. Stephen hat es schon 1893 auf den Punkt gebracht: "Von Skeptizismus erfüllte Denker sind genauso von einem übertriebenen Glauben an die Stetigkeit und Unveränderlichkeit der so genannten Naturgesetze erfüllt. Sie schreiben einem bestimmten Phänomen eine natürliche Ursache zu, so überzeugt, wie ihre Gegner eine übernatürliche Ursache anführen."
In der Religion ist der Skeptizismus sogar noch tiefer verwurzelt als in der Wissenschaft. Die Propheten des Alten Testaments vergingen vor Zorn über die rivalisierenden Religionen des Heiligen Landes. Psalm 115 verspottet diejenigen, die aus Silber und Gold Götzen machten. "Sie haben Münder und reden nicht, sie haben Augen und sehen nicht." Während der Reformation  verwandten die Protestanten sämtliches Gewicht biblischer Gelehrsamkeit und kritischen Denkens gegen die Verehrung von Reliquien, Heiligenkulten und anderem "Aberglauben" der katholischen Kirche. Die Atheisten haben den religiösen Skeptizismus bis an seine Grenzen geführt; verteidigen jedoch dabei einen anderen Glauben an die Wissenschaft.
Meist geht es dem Skeptizismus nicht darum, die Wahrheit herauszufinden, sondern um die Aufdeckung der Irrtümer der Anderen. Er spielt eine nützliche Rolle in Wissenschaft, Religion, Gelehrsamkeit und beim gesunden Menschenverstand. Jedoch sollten wir stets im Hinterkopf haben, dass er eine dem Glauben und Selbstinteressen dienende Waffe ist.
Gegenüber Skeptikern müssen wir vorsichtig sein. Je aggressiver der Skeptiker, desto stärker der Glaube.

Rupert Sheldrake ist Philosoph und Biologe aus London, Autor von über 75 Fachartikeln und 9 Büchern, u. a. Der siebte Sinn des Menschen, Gedankenübertragung, Vorahnungen und andere unerklärliche Fähigkeiten. Eineinhalb Jahre wohnte er im Ashram von Pater Bede Griffiths in Südindien. Dort schrieb er 1981 das Buch Das schöpferische Universum, die Theorie des morphogenetischen Feldes.
Seine Website: http://www.sheldrake.org/Deutsch/


Was ich noch zu sagen hätte:
Diesen kurzen Bericht habe ich in der Zeitschrift "What is Enlightment" gefunden. Ich habe mich sofort an meinen ehemaligen Hautarzt erinnert. Er war schon sehr betagt, und meine Geschichte ist schon 10 Jahre her. Er erzählte mir von Ratten, die mit irgendwelchen Giften besprüht wurden. Die einen überlebten, die anderen nicht. Er führte das ganz technisch und wissenschaftsgläubig auf die Zusammensetzung des Giftes zurück. Dabei schaute er mich, tief in meinem Gesicht grabend an. Er dachte sich, ob wohl ein solches Mädchen seine hochtrabenden Gedanken verstehen würde. Ich konnte seine Gedanken wahrnehmen und ich hatte die Wahl zwischen zustimmen und ihm den Gefallen zu tun als gefälliges Mädchen einem Arzt nicht zu widersprechen, oder sagen was ich dachte.
Ich entschloss mich für sagen was ich dachte. Vorsichtig setzte ich an, denn ich war mir des Egos bewusst, das da vor mir stand. Also fragte ich, was er denn davon hielte, dass die Ratten sich sehr wohl bewusst sind, dass sie sich in einem Experiment befinden und sie Angst hatten, somit unter Stress stehen und daran zum Teil zu Grunde gehen.
Ich habe noch nie so weit aufgerissene Augen gesehen. Mein lieber Hautarzt wurde adhok zum Monster. Sein erstes Wort, das er nur so herauspresste war "NEIN", sein ganzer Körper stand unter Spannung und es kam mir vor als müsste er gleich um sein Leben kämpfen. "Das ist nicht bewiesen!" preschte es aus ihm heraus. Er legte sofort los, mir wissenschaftlich zu beweisen, dass Ratten sowas ähnliches wie Garnichts sind. Ohne Gefühle, ohne alles eben was ein Lebewesen ausmacht. Der arme Mann war zu diesem Zeitpunkt schon weit über 60 und auch nicht mehr der Fitteste, ich glaube das hat ihm sehr zugesetzt. Wie Ian Lungold schon erklärte sind 80% der Menschen in einer Art Starre gefangen, und es wird versucht dieses unbewegliche Weltbild aufrecht zu erhalten. Jedoch ist nichts einfacher und langlebiger als die Wahrheit. Schwierig wird es erst wenn Unwahrheiten unser Weltbild bestimmen. So ein Weltbild muss ständig mit viel Energie am Leben erhalten werden. Die Wahrheit besteht aus sich heraus.
Heute ist das sogar wissenschaftlich bewiesen, dass Stress den Organismus altern lässt, dass sogar das Zellwachstum eingestellt wird, und dass daraus, wenn nicht Einhalt geboten wird, der Tod resultiert.
Abgesehen davon erzählte ich diese Rattengeschichte mehreren "Nicht-Wissenschaftlern", einfach ganz normalen Menschen. Ich fragte, was sie denn dabei fühlen, wenn Ratten mit Gift besprüht werden. Die Aussagen waren einhellig. Allen war bewusst, dass Angstgefühle der Tiere ein enormer Bestandteil des Experiments waren.
Um zu solch einer Aussage zu gelangen muss niemand der Befragten anwesend sein. Die ganze Erde ist ein Bewusstsein und wir können uns in Situationen hineinversetzen und wahrnehmen was vor sich geht.

Herzlichst Marion

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