Wenn Leid sinnvoll geworden ist, dann bist du darüber hinaus gegangen
Auszug aus "Und vor allem nicht wackeln" von Osho

Klarheit ist das Ziel. Schmerz und Leid wird es immer geben, sie gehören zum Leben. Man muss nur die Klarheit besitzen, alles im richtigen Zusammenhang zu sehen, sehen, wohin alles gehört.  Dann ergibt sich aus allem eine Ordnung; sogar Schmerz und Leid werden Teil einer größeren Harmonie. Nicht, dass sie verschwinden; es gibt sie weiterhin, sie sind Teil des Lebens, aber sie sind keine abgespalteten Erscheinungen mehr - sie gehören zu einem größeren Ganzen.
Wenn deine Sicht der Dinge klar ist, dann siehst du, dass das Ganze nicht ohne diesen Teil existieren kann, er wird gebraucht.

Du akzeptierst es, weil es das Glück nicht ohne das Unglück, und den Tag nicht ohne die Nacht geben kann. Wenn man alles von einem neuen Blickwinkel aus sieht, ändert sich die gesamte Sichtweise.

Normalerweise glaubst du, dass ein Tag zwischen zwei Nächten liegt. Wenn du ein wenig Klarheit hast, siehst du zwei Tage, mit einer Nacht dazwischen.
Wenn man sein Unglück, seine Traurigkeit und Enttäuschungen normalerweise betrachtet, löst man sie aus dem Zusammenhang und sieht sie als isoliertes Geschehen, und dann sind sie sehr schmerzhaft, weil sie vollkommen sinnlos erscheinen.


Der Schmerz an sich ist sinnlos - warum gibt es ihn? Warum leidet man? und wenn man nicht einsehen kann warum, ist er unerträglich. Wenn man sehen kann warum, ist er keine isolierte Erscheinung mehr, sondern ein Teil des gesamten Plans. Und in einem großen Gemälde ist schwarz genauso notwendig wie weiß - sonst könnte es das ganze Gemälde nicht geben. Unglück ist genauso notwendig wie Glück. Sie sind wie zwei Flügel und wenn du das begriffen hast, dann musst du sie benutzen, um in den Himmel zu fliegen. Dann akzeptierst du Glück und Unglück und zwar in tiefer Dankbarkeit. Dann kannst du sogar das Leid akzeptieren, weil du seinen Sinn erkannt hast. es ist eine Stufe zu etwas Größerem, es ist Teil einer größeren Harmonie. Leid ist nicht mehr isoliert, sondern bedeutungsvoll.

Und wenn Leid sinnvoll geworden ist, dann bist du darüber hinausgegangen. Es beunruhigt dich nicht mehr. Du willst es auch nicht mehr loswerden, denn sonst würdest du zugleich auch alles Schöne verlieren.

Du hast begriffen, daß eine Rose inmitten ihrer Dornen wächst, und daß diese Dornen zu ihrem Wachstum gehören. Sie schützen die Blüte. Die Dornen sind keine Feine, sie sind nicht gegen die Blüte. Und wenn die ein Dorn manchmal Schmerzen bereitet, dann nur, weil du seinen Sinn noch nicht erkannt hast. Man muss das Leid nicht suchen, nicht nach den Dornen Ausschau halten, aber wenn man sie findet, muß man sie akzeptieren. Laß alle Dinge durch die Klarheit deines Blickes durchsichtig werden, und dann kannst du sehen, daß eine Nacht von zwei Tagen umgeben ist. Dadurch wird die Nacht immer heller und heller, sie wird zu einer Brücke von einem Tag zum anderen. Die Nacht ist nicht mehr gegen den Tag, sie ist vielmehr eine Ruhepause, aus der ein Tag neu hervorgeht. Die Nacht ist wie ein Schoß, sie ist schöpferisch. Die Dunkelheit ist schöpferisch und auch das Leid.

Wenn du einen Menschen triffst, der innerlich sehr reich ist, wirst du immer feststellen, daß er sehr viel gelitten hat. Ein Mensch, der nicht viel gelitten hat, ist seicht und oberflächlich. Wenn er lacht, kommt sein Lachen nicht aus der Tiefe, es ist nicht herzlich. Es ist wie aufgemalt, nur auf seinen Lippen. Wenn du auf den Klang des Lachens hörst, kannst du hören, daß es nur sehr oberflächlich ist. Es kommt nicht aus seinem Bauch, hat keine Bedeutung und keine Tiefe.

Und immer wenn du jemanden triffst, der herzlich lachen kann, dann denke daran, daß er auch herzzerreißend geweint hat - und daß sein Lachen durch seine Tränen reicher geworden ist. Wenn du richtig weinen kannst, dann kannst du auch richtig lachen.

Das ist Klarheit - das Leben so zu sehen wie es ist, und nichts Unmögliches zu verlangen. Wenn du das Unmögliche verlangst, wenn du nur die Tage haben willst und keine Nächte, nur Glück und kein Unglück, dann erzeugst du sinnloses Leiden. es ist sinnlos, weil du etwas Unmögliches forderst, das nicht erfüllt werden kann. Das Leiden kommt also durch deine Dummheit; und dann gehört es garnicht zum Leben, sondern hätte vermieden werden können. Dieses Leid war nicht notwendig; es hätte sich vermeiden lassen.

Leid, das du dir selbst zufügst, ist also sinnlos; und Leid, das dir vom Leben auferlegt wird, ist sinnvoll. Wenn du jemanden liebst, gehört auch Leid dazu. Wenn du lieben willst, musst du bereit sein, viel zu leiden; hast du davor Angst, dann bekommst du auch immer mehr Angst vor der Liebe selbst, bis du an einen Punkt kommst, wo du nicht mehr leidest - du führst dann vielleicht ein sehr angenehmes und bequemes Leben, aber du versäumst alles Schöne im Leben, denn das erfährst du nur durch Liebe ...
und Liebe kannst du nur erleben, wenn du auch Leid akzeptierst.

Das ist der Preis, den man dafür bezahlen muß. Nichts ist kostenlos im Leben, für alles muß man bezahlen: und das ist gut so, denn alles, was frei ist, verliert an Bedeutung und man kann es nicht mehr genießen.

Nutze deine Klarheit, Probleme zu erkennen, aber versuche nicht, etwas zu ändern, sondern akzeptiere alles so wie es ist. Werde immer klarer - das ist die einzige Veränderung, die möglich ist, die einzige Entwicklung. Laß dich höher von dieser Woge der Klarheit und Bewußtheit tragen. Wenn du höher aufsteigst, gelangt eine andere Welt in dein Blickfeld. Die Welt bleibt zwar dieselbe, aber durch dein klares Auge siehst du die Welt in einem anderen Licht und allmählich fügt sich alles zusammen. Eines Tages erkennst du dann, daß alles so ist, wie es sein soll. Das ist die Vollkommenheit der Klarheit - alles ist so, wie es sein soll, nichts fehlt, alles ist vollkommen. Diese Welt ist eine vollkommene Welt.

In einem solchen Moment ist deine Bejahung total, und wenn dein Ja total ist, sind alle Wunden geheilt.

Du wirst so ruhig wie ein Buddha, so unschuldig wie ein Jesus oder so wunderbar vollkommen wie Lao Tse - gewöhnlich und doch ganz außergewöhnlich. Man lebt dasselbe Leben und doch ein ganz anderes - es hat eine andere Melodie. Nutze also diese Klarheit, hm? Genieße sie, freue dich darüber.

-Osho-

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