Der Therapeut leidet an denselben Problemen, bei denen er anderen zu helfen versucht
Diskurs Auszug aus "the great pilgrimage - from here to here" von Osho

Ist die Rolle des Therapeuten gefährlich für mein eigenes spirituelles Wachstum?
Kann man anderen Menschen helfen und gleichzeitig sein eigenes Ego auflösen? Ich fühle einen subtilen Konflikt in mir zwischen einem Teil, der klar ist, und einem anderen Teil, der nichts von Klarheit wissen will.
Mit deiner Hilfe habe ich gelernt, andere nicht zu dominieren, wenn ich meine Fähigkeit zu sehen einsetze, aber dominiere ich immer noch mich selbst?

Die Rolle des Therapeuten ist eine sehr heikle und komplizierte Sache.

Erstens, weil der Therapeut selbst an den gleichen Problemen leidet, bei denen er anderen zu helfen versucht. Der Therapeut ist nur ein Techniker. Er kann mit Erfolg so tun, als wäre er ein Meister, und sogar sich selbst damit täuschen - das ist die größte Gefahr für einen Therapeuten. Aber schon ein wenig Verständnis wird die Dinge verändern.

Zweitens solltest du nicht denken, dass du anderen hilfst. Das gibt dir die Vorstellung, ein Retter, ein Meister zu sein - und schon ist durch die Hintertür das Ego wieder hereingekommen. Es macht dich wichtig, es macht dich zum Mittelpunkt der Gruppe; alle schauen zu dir auf.

Gib den Gedanken vom Helfen auf. Statt "helfen" verwende das Wort "teilen". Du teilst dein Verständnis - soviel, wie du hast. Der Teilnehmer ist dir nicht unterlegen.

Therapeut und Therapierter sitzen beide im selben Boot, nur ist der Therapeut ein bisschen besser informiert.

Bleibe dir der Tatsache bewusst, dass dein Wissen nur geborgt ist. Vergiß nie, dass alles, was du weißt, noch nicht deine eigene Erfahrung ist, dann wird es den Menschen helfen, die in deiner Gruppe teilnehmen.

 

Menschen sind sehr subtile Mechanismen. Es wirkt nach beiden Seiten: Wenn der Therapeut anfängt, sich wie ein Meister zu benehmen, wird er, statt zu helfen, etwas in dem Teilnehmer kaputtmachen, denn jetzt wird der Teilnehmer auch nur die Technik lernen wollen.

Statt eines liebevollen Sich-Mitteilens, einer freundlichen Atmosphäre heißt es dann: "Du weißt mehr, ich weiß weniger ... Aber wenn ich erst ein paar Therapiegruppen gemacht habe, werde ich genausoviel wissen wie du."

Nach und nach fangen die Teilnehmer ebenfalls an, Therapeuten zu werden, denn dazu braucht man keinen Titel - jedenfalls in vielen Ländern nicht. Ein paar Länder haben begonnen, verschiedene Arten von nicht anerkannten Therapien zu verbieten. Nur wer einen Universitätsabschluß in Therapie, Psychoanalyse, Psychotherapie hat, darf anderen in Therapiegruppen helfen.

Dazu wird es in den meisten Ländern der Welt kommen, denn Therapie ist zu einem Geschäft geworden, das von unqualifizierten Leuten betrieben wird. Sie lernen die Technik, denn die Technik kann jeder lernen. Wenn man an einigen Gruppen teilnimmt, lernt man alle Techniken kennen - und dann macht jeder daraus seine eigene Mischung. Aber es ist unkontrollierbar ...

Denk daran, sobald du in die Rolle eines Heilers schlüpfst, wird derjenige, dem du zu helfen versuchst, es dir niemals verzeihen. Du hast seinen Stolz verletzt, du hast sein Ego verletzt.

Es war nicht deine Absicht ... Dir ging es nur darum, dein Ego aufzublähen, aber es geht nur, wenn du das Ego anderer Leute verletzt. Du kannst nicht dein Ego aufblähen, ohne andere zu verletzten. Dein größeres Ego braucht mehr Platz, und die anderen müssen Platz machen und ihre Persönlichkeit schrumpfen lassen, um neben dir bestehen zu können.

Sei von Anfang an authentisch und liebevoll. Und ich erkläre es als absolute Notwendigkeit. Es gibt nichts Therapeutischeres als Liebe.

Technik kann helfen, aber das wahre Wunder geschieht durch Liebe. Liebe die Menschen, die an deiner Therapie teilnehmen, und sei einer von ihnen, ohne den Anspruch zu haben, höher oder heiliger als sie zu sein.

Mach es ihnen von Anfang an klar: "Das und das sind die Techniken, die ich gelernt habe, und ein bisschen ist auch meine eigene Erfahrung. Ich werde euch die Techniken geben und meine Erfahrung mit euch teilen, aber ihr seid nicht meine Schüler. Ihr seid nur Freunde auf der Suche. Ich habe ein bisschen was verstanden, nicht viel, aber das kann ich mit euch teilen. Viele von euch werden wahrscheinlich ihr eigenes Verständnis aus den verschiedensten Bereichen,  den verschiedensten Richtungen mitbringen. Auch ihr könnt eure Erfahrungen mitteilen  und dadurch die Gruppe bereichern."

Was ich sage, ist mit anderen Worten, ein völlig neues Therapiekonzept.

Der Therapeut ist nur ein Koordinator. Er bemüht sich nur, dass die Gruppe stiller und entspannter abläuft. Er hat ein Auge darauf, dass nichts falsch läuft - mehr wie ein Beschützer als wie ein Meister.

Und eines musst du ihnen auch klar machen: "Ich selbst lerne auch etwas, indem ich meine Erfahrungen mit euch teile. Wenn ich euch zuhöre, sind es nicht nur eure, sondern genauso gut auch meine Probleme. Und wenn ich etwas sage, sage ich es nicht nur zu euch, sondern ich höre mir gleichzeitig auch zu."

Mach es mit allem Nachdruck deutlich, dass du nicht etwas Besonderes bist. Das muss gleich zu Beginn der Gruppe passieren, und es muss weitergeführt werden, wenn der Gruppenprozess tiefer geht. Du bist immer nur die Ältere, diejenige, die den anderen ein paar Schritte voraus ist, sonst kannst du niemandem helfen. Sonst werden die Leute nur die Technik lernen und selber Therapeuten werden wollen. Und es gibt genug Narren auf dieser Erde - fünf Milliarden - und jeder findet Anhänger.

Es ist eine menschliche Schwäche, wenn die Leute zu einem aufschauen, dass man anfängt zu glauben: "Ich muss etwas Großartiges an mir haben, wenn die Leute so zu mir aufschauen." Sie haben ihre Probleme, sie leiden an ihren menschlichen Schwächen, aber du bist genauso menschlich, und Irren ist absolut menschlich. Ohne jede Verurteilung, mit großer Liebe hilf ihnen, sich zu öffnen, und das ist nur möglich, wenn du dich selbst öffnest.

Ich habe eine seltsame Tatsache festgestellt: Einem fremden erzählt man Dinge, die man Leuten, welche man gut kennt, niemals sagen würde. Man trifft jemanden in der Eisenbahn, man weiß nicht einmal seinen Namen, weiß nicht, wohin er fährt, weiß nicht, woher er kommt, und man fängt an, sich mitzuteilen. Ich bin zwanzig Jahre lang pausenlos im ganzen Land herumgereist und habe dabei eine seltsame Beobachtung gemacht: Die Menschen vertrauen einem Fremden ihre Geheimnisse an, weil ein Fremder es nicht ausnutzen wird. An der nächsten Station steigt er aus, und vielleicht sieht man ihn nie wieder. Er hat kein Interesse, dir oder deinem Ruf irgendwie zu schaden.

Wenn du jedoch deine Geheimnisse, deine Schwächen, deine Verletzlichkeit anderen zeigst, werden sie dir mehr vertrauen, dich mehr lieben und dich in ihr Vertrauen ziehen. Dein Vertrauen provoziert ihr Vertrauen zu dir, und wenn sie sehen, wie unschuldig und offen und zugänglich du bist, fangen auch sie an, sich zu öffnen. Es ist eine Kettenreaktion.

Aber eine Therapiegruppe ist nicht das Ziel. Sie ist nur der Anfang. Sie ist eine Vorbereitung für die Meditation, so wie Meditation eine Vorbereitung für die Erleuchtung ist. Wenn du dieses simple Einmaleins begreifst, wird es dir nicht schwer fallen - und du wirst mehr Spaß an der Gruppe haben, denn die Gruppe wird mit dir tiefer gehen können. Du wirst nicht nur ein Lehrer für die Gruppe sein, du wirst gleichzeitig ein Lernender sein.

Von Kahlil Gibrans Prophet Almustafa stammt ein schöner Ausspruch. Als ihn jemand fragt: "Sprich zu uns vom lernen", sagt er: "Weil du gefragt hast, werde ich reden, aber denke daran - während ich rede, höre auch ich, so wie du, mir zu."

Liebe die Menschen, die an deinen Gruppen teilnehmen. Liebe sie so, wie sie sind, und nicht so, wie sie sein sollten. Sie haben ihr ganzes Leben lang unter jeglicher Art von religiösen, politischen, gesellschaftlichen, theologischen und philosophischen Führern gelitten, die behaupteten, sie zu lieben, wenn sie zu den Idealbildern ihrer eigenen Vorstellungen würden. Sie werden dich nur lieben, wenn sie dich vollständig getötet haben, wenn sie dich völlig demontiert haben und nach ihren eigenen Ideen wieder zusammengesetzt haben.

Das haben sämtliche Religionen den Menschen angetan. Niemand ist davon verschont geblieben. Und diese Leute meinen, ganz bewusst anderen Menschen zu helfen. Sie haben euch Ideale, Ideologien, Prinzipien, Gebote gegeben, mit der fixen Idee, euch helfen zu wollen, weil ihr sonst in die Irre geht. Sie können nicht eurer Freiheit vertrauen, noch wissen sie eure Würde zu respektieren. Sie haben euch so schrecklich verstümmelt - und keiner protestiert!
 

Das erinnert mich an etwas, was ein Freund von mir, ein großer Arzt, einmal gesagt hat. Ich weis nicht, ob er noch lebt; ich habe seit 5 Jahren nichts mehr von ihm gehört. Er war der prominenteste Arzt in der Stadt, in der ich lebte, bevor ich nach Bombay und dann nach Poona zog.

Er sagte zu mir: "Die Erfahrung meines ganzen Lebens sagt mir, dass es nicht die Aufgabe des Arztes ist, den Patienten zu heilen. Der Patient heilt sich selbst. Der Arzt schafft lediglich eine liebevolle, aufmunternde Atmosphäre. Er gibt dem Patienten Zuversicht und erweckt von neuem sein Verlangen, länger zu leben. All die Medikamente sind von zweitrangiger Bedeutung."

Wenn aber jemand den Wunsch zu leben verloren hat, dann hilft - nach der Erfahrung dieses Arztes - keine Medizin und gar nichts.

Für den Therapeuten ist die Situation die gleiche: Der Therapeut ist nicht derjenige, der die psychologischen Probleme der Leute kuriert. Er kann nur eine liebevolle Atmosphäre kreieren, in der sie ihre unterdrückten, unbewussten Phantasien, Verdrängungen, Halluzinationen und Begierden aufdecken können, ohne Angst haben zu müssen, ausgelacht zu werden, in der sie absolut sicher sein können, dass jeder Mitgefühl und Liebe für sie empfindet. Die ganze Gruppe sollte als therapeutische Situation dienen.

Der Therapeut ist nur der Koordinator. Er bringt psychisch angeknackste oder verwirrte Menschen zusammen und achtet nur darauf, dass nichts schiefläuft. Er kann sie durch einen Gedanken, eine Einsicht, eine Beobachtung unterstützen, aber er sollte immer deutlich machen: "Dies ist nur mein Wissen, aber nicht meine Erfahrung" - es sei denn es ist tatsächlich seine Erfahrung.

Wenn du echt und aufrichtig und ehrlich und authentisch bist, wirst du niemals in die Falle geraten, ein Meister oder ein Retter sein zu wollen - eine Falle, in die man sehr leicht geraten kann. In dem Moment, wo du ein Meister und Retter sein willst -und du bist es nicht-, wirst du den Leuten nicht einmal mehr helfen, du wirst sie einfach nur ausbeuten, ihre  Schwächen, ihre Probleme.

Die ganze psychoanalytische Bewegung rund um die Welt ist das ausbeuterischste Experiment, das es gibt. Niemandem wird geholfen, alle werden nur ungeheuer ausgenutzt. Die Psychologie hat sich in viele Zweige aufgeteilt, aber sie tun alle das Gleiche: Sie reduzieren dich zu einem Patienten, und sie sind die Ärzte. Aber niemandem wird geholfen, weil die Psychoanalytiker, die Psychotherapeuten selbst ... das Problem sind, dass sie selbst an genau denselben Krankheiten leiden. Jeder Psychoanalytiker geht etwa zweimal im Jahr zu einem Kollegen, um sich helfen zu lassen. Es ist eine große Verschwörung. Wenn man sich ständig alle Arten von Verrücktheiten anhören muss, wird man selbst verrückt, außer man ist über den Verstand und seine Probleme hinaus.

Man wird anfangen, an denselben Problemen zu leiden, an denen die Patienten leiden. Statt dass du sie heilst, machen sie dich krank. Aber es ist deine eigene Verantwortung.

Schenke Liebe, Offenheit, Aufrichtigkeit. Damit sie anfangen können, die Tore ihres Herzens zu öffnen - und sie halten sie fest verschlossen, damit keiner ihre Probleme sieht -, ist es die erste Aufgabe des Psychotherapeuten, sein Herz zu öffnen und ihnen zu zeigen, dass er genauso menschlich ist wie sie. Er leidet an denselben Schwächen: Derselben Lust, demselben Streben nach Macht, derselben Gier nach Geld. Er leidet an Sorge und Pein, an der Angst vor dem Tod.

Öffne ganz und gar dein Herz. Das wird anderen helfen, dir zu vertrauen, dass du kein Heuchler bist. Die Zeit der Retter, Propheten und Boten, der Teerthankaras und Avataras, ist vorbei. Keinen von ihnen würde man heute akzeptieren. Und wenn heute einer von ihnen wieder auftaucht, werden ihn die Menschen nicht einmal zu Tode steinigen, sondern sich nur über ihn lustig machen. Sie werden einfach sagen: "Du bist ein Spinner. Der bloße Gedanke, dass du die ganze Menschheit retten kannst, ist idiotisch. Rette zuerst dich selbst, dann sehen wir dein Licht und deine Größe und deine Herrlichkeit."

Und das Vertrauen kommt ganz von allein. Man braucht nicht darum zu bitten. Es kommt wie ein frischer Wind von den Bergen, wie eine Flutwelle vom Ozean. Du brauchst nichts dafür zu tun. Du musst nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar sein.

Niemand kann dich retten, außer du selbst. Ich sage dir: "Sei dir selbst ein Retter." Doch Hilfe ist möglich, unter einer Bedingung: Dass sie von Liebe begleitet ist und von Dankbarkeit, denn: "Du hast mir vertraut und dein Herz geöffnet."

Die Aufgabe des Therapeuten ist zweifellos eine sehr komplexe - und Dummköpfe betätigen sich darin! Die Situation ist beinahe so, wie wenn Metzger Chirurgie betreiben - sie wissen, wie man schneidet, aber das heißt noch lange nicht, dass sie Gehirnchirurgen werden können! Sie können Kühe und Ochsen und allerlei Tiere töten, aber ihre Aufgabe steht im Dienste des Todes. Der Therapeut steht im Dienste des Lebens. Er muss bejahende Werte schaffen, die er selbst lebt, indem er in die Stille seines eigenen Herzens eintaucht.

Je tiefer du in dir selbst ruhst, umso tiefer kannst du das Herz eines anderen erreichen. Es ist genau das Gleiche ... denn dein Herz und das Herz eines anderen sind nicht sehr verschieden. Wenn du dein Wesen verstehst, verstehst du das Wesen von jedem Menschen. Und dann verstehst du, dass auch du dumm gewesen bist, und dass auch du unwissend gewesen bist, dass du viele Male gestolpert bist, dass auch du Verbrechen gegen dich selbst und andere begangen hast -und wenn andere es immer noch tun, brauchst du sie deswegen nicht zu verurteilen. Du sollst sie nur darauf aufmerksam machen und dann sich selbst überlassen; du darfst sie nicht in einen bestimmten Rahmen pressen.

Dann ist es eine Freude, Therapeut zu sein, weil man das Innenleben der Menschen kennen lernt - eines der bestgehüteten Geheimnisse im Leben. Und indem du andere kennen lernst erfährst du mehr über dich selbst. Es ist ein Teufelskreis. Leider gibt es kein anderes Wort, sonst würde ich nicht das Wort "Teufel" verwenden. Aber lass mich ein neues Wort prägen: Es ist ein "Tugendkreis". Du öffnest dich deinen Patienten, denn Gruppenteilnehmern, und sie öffnen sich dir. Du hilfst dir, dich mehr zu öffnen, und das hilft wiederum ihnen, sich noch mehr zu öffnen. Und bald gibt es keinen Therapeuten und keinen Patienten, sondern einfach eine liebevolle Gruppe, die sich gegenseitig unterstützt.

Solange der Therapeut nicht in der Gruppe aufgeht, ist er kein erfolgreicher Therapeut. Das ist mein Kriterium.

Du sagst: "Mit deiner Hilfe habe ich gelernt, andere nicht zu dominieren, wenn ich meine Fähigkeit zu sehen einsetze, aber dominiere ich immer noch mich selbst?"

Das ist nicht zweierlei. Dominieren ist dominieren - Ob du andere dominierst oder dich selbst. Wenn du dich selbst dominierst, wirst du auf subtile Weise auch andere dominieren. Wie könnte das anders sein?

Das Dominieren, das du als erstes aufgeben musst, betrifft nicht die anderen ... denn es ist überhaupt nicht gesagt, dass sie dein Dominieren hinnehmen. Das Dominieren, das du als erstes aufgeben musst, betrifft dich selbst. Warum machst du dich selbst zum Gefangenen und schaffst dir mit großer Anstrengung ein Gefängnis um dich herum, das du dann überallhin mitnimmst? Erlebe zuerst die totale Freude - was es heißt frei zu sein wie ein Vogel am grenzenlosen Himmel. Dann wird deine Freiheit zu einer transformierenden Kraft für andere werden.

Dominieren ist so hässlich. Überlasse es den Politikern, die überhaupt kein Schamgefühl haben. Sie führen ein Leben in der Gosse und glauben, sie leben im Palast. Ihr ganzes Leben spielt sich in der Gosse ab; dort leben sie und dort werden sie auch sterben. Auch wenn sie Premierminister sind, und Präsidenten und Könige und Königinnen ...

Einer der bedeutendsten ägyptischen Dichter wurde einmal gefragt: "Wie viele Könige gibt es auf der Welt?" Er sagte damals: "Es gibt nur fünf Könige, einen in England und vier auf den Spielkarten." Jetzt könnte man es abwandeln: "Es gibt fünf Königinnen, eine in England und vier auf den Spielkarten" ... Aber mehr besitzen sie nicht. Sie streben nur nach immer mehr Macht, um ihr Inneres auszufüllen, weil es sich so leer anfühlt.

Von außen gesehen ist das Innere leer. Von innen gesehen, ist die ganze äußere Welt leer. Nur dein Inneres kann überfließen, aber das, was überfließt, ist unsichtbar: Das Aroma deines Seins, Liebe, Seligkeit, Ekstase, Stille, Mitgefühl - nichts davon ist mit den Augen zu sehen. Darum scheint von außen alles nur leer zu sein. Und dann entsteht ein großer Drang: Womit kann man es füllen? Mit Geld, mit Macht, mit Ansehen, dadurch, dass man Präsident oder Premierminister wird? Und dann tut man alles um es anzufüllen! Man kann nicht leben mit einer solchen inneren Leere, einer inneren Hohlheit.

Aber diese Leute sind niemals nach innen gegangen; sie haben nur nach außen geschaut. Und das ist das Problem: Von außen kann man nur Objekte sehen, aber Liebe ist kein Objekt, Seligkeit ist kein Objekt, Erleuchtung ist kein Objekt, Verständnis ist kein Objekt, Weisheit ist kein Objekt.

Alles, was großartig ist an der menschlichen Existenz und am Leben, ist subjektiv, nicht objektiv. Aber von außen kann man nur Objekte sehen. Dadurch entsteht dieser ungeheure Drang, eure innere Hohlheit mit allem möglichen Zeug zu füllen. Einige tun es mit geborgtem Wissen; einige tun es mit selbst auferlegten Torturen - sie werden zu Heiligen. Einige werden zu Bettlern, nur um Premierminister zu werden, um Präsident zu werden. Überall sind es die hohlen Menschen, die es ungeheuer nötig haben, andere zu dominieren. Das gibt ihnen das Gefühl, nicht hohl zu sein.

Ein Sannyasin fängt an, seine eigene Subjektivität von innen her zu erforschen, und er wird sich der immensen Schätze, seiner unerschöpflichen Schätze bewusst. Erst dann hörst du auf, dich selbst zu dominieren, und du hörst auf, andere zu dominieren. Es besteht dafür überhaupt keine Notwendigkeit. Von da an wirst du alles daran setzen, um auch anderen ihre Individualität, ihre Freiheit, ihre ungeheuren, unerschöpflichen Quellen der Seligkeit, Zufriedenheit und des Friedens bewusst zu machen.

Für mich ist eine Therapie, die den Boden bereitet für Meditation, der richtige Boden sowohl für den Therapeuten als auch für den Patienten.

Therapie sollte an einem bestimmten Punkt in Meditation übergehen. Meditation geht an einem bestimmten Punkt in Erleuchtung über. Ein so enormes Potenzial zu besitzen und dennoch ein Bettler zu bleiben ... Manchmal macht es mich seht traurig, wenn ich an die Menschen denke. Sie sind keine Bettler, aber sie benehmen sich wie Bettler und sind nicht bereit, ihr Betteln aufzugeben, weil sie Angst haben, es sei alles was sie haben. Und solange sie nicht aufhören zu betteln, werden sie niemals wissen, dass sie Kaiser sind und im Inneren ihr Reich auf sie wartet.

Du solltest versuchen, dich selbst so tief wie möglich zu verstehen. Deine therapeutische Arbeit kommt erst an zweiter Stelle. Solange du nicht dein Sein durch Meditation und Stille verfeinert  hast ... Ich sage nicht, dass du aufhören sollst zu arbeiten; ich sage, transformiere die Qualität deiner Arbeit. Mache sie zu wirklicher Arbeit. Öffne dein Herz, erzähle ihnen von deinen Schwächen, erzähle ihnen von deinen Problemen, frage sie um ihren Rat - vielleicht können sie dir helfen? Und wenn die Teilnehmer begriffen haben, dass der Therapeut kein Egoist ist, werden sie voller Bescheidenheit sein und ihr Herz öffnen. Dann kannst du ihnen helfen.

Aber denke immer und immer daran: Therapie allein ist unvollständig. Selbst die perfekteste Therapie ist nur der erste Schritt. Ohne den zweiten Schritt bleibt sie bedeutungslos.

Darum lasse die Patienten an dem Punkt zurück, wo sie anfangen, sich in die Meditation hineinzubewegen. Deine Therapie ist erst dann vollständig, wenn deine Patienten anfangen, Fragen über Meditation zu stellen. Erzeuge in ihren Herzen eine große Sehnsucht nach Meditation und sage ihnen, dass auch Meditation nur ein Schritt ist - der zweite Schritt. Auch sie allein ist nicht genug, wenn sie dich nicht zur Erleuchtung bringt; das ist der Höhepunkt der ganzen Anstrengung. Und ich vertraue dir, dass du dazu fähig bist.

Ein Jude aus Odessa sitzt im selben Abteil mit einem zaristischen Offizier, der ein Schwein bei sich hat. Um den Juden zu ärgern, nennt der Offizier sein Schwein immer wieder Moishe: "Moishe, Moishe, halt still! Moishe, hierher! Moishe, geh weg!"

So geht das die ganze Strecke bis Kiew. Schließlich platzt dem Juden der Kragen, und er sagt: "Weißt du Hauptmann, eigentlich ist es eine Schande, dass dein Schwein einen jüdischen Namen hat."

"So, und warum wohl, Jude?", grinst der Offizier.
"Na, sonst hätte es Offizier in der Armee des Zaren werden können!"

Alles hat seine Grenzen! Mach es dir klar, dass die Grenze der Therapie dort liegt, wo Meditation beginnt, und die Grenze der Meditation dort, wo Erleuchtung beginnt. Und natürlich ist Erleuchtung kein Schritt zu irgend etwas anderem.

Du verschwindest einfach im universellen Bewusstsein. Du wirst zu einem Tautropfen, der vom Lotosblatt in den Ozean schlüpft. Aber es ist die größte Erfahrung ... sie macht das Leben erst bedeutsam und sinnvoll. Sie lässt dich zu einem Teil des Universums werden, von dem dein Ego dich getrennt hatte.

 



 

Du musst dich nur in die richtige Richtung bewegen. Ein Sinn für die richtige Richtung, und alles kann zu einem Ausgangspunkt für höhere Bewusstseinszustände werden.

Ich habe alles mögliche benutzt, aber die Richtung ist die gleiche. Ich habe viele Arten von Meditation benutzt. An der Peripherie sehen sie unterschiedlich aus. Es gibt einhundertzwölf Meditationsmethoden. Sie sehen sehr verschieden aus, und vielleicht denkt ihr: "Wie können diese verschiedenen Methoden alle zur Meditation führen?" Aber das tun sie ... Wie ein unsichtbarer Faden, der durch eine Blumengirlande läuft - man sieht nur die Blumen -, genauso haben diese einhundertzwölf Blumen einen gemeinsamen Faden.

Und dieser Faden ist: Beobachten, Zeugesein, Bewusstheit, Wachheit.

Hilf also den Patienten, so gut du kannst, ihre Probleme zu verstehen, aber mach ihnen klar: "Selbst wenn deine Probleme gelöst sind, bist du immer noch derselbe. Morgen wirst du anfangen, die gleichen Probleme wieder zu erzeugen - vielleicht auf eine andere Art, eine andere Nuance."

deshalb sollte deine Therapie nichts anderes sein als eine Öffnung zur Meditation. Dann hat deine Therapie einen ungeheuren Wert. Andernfalls ist es nur ein Spiel für den Verstand.
 

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