Sei dir bewusst, dass es zwischen den Gedanken Lücken gibt
Auszug aus "Die tantrische Vision" von Osho, http://www.oshomedia.de

Die tantrische Vision ist ein unmittelbarer Weg zu Gott, zur Wirklichkeit, zu dem was ist. Tantra kennt keine Vermittler, keine Mittelsmänner, keine Priester. Es gibt nur den direkten Weg zu Gott, du kannst nicht durch einen anderen zu Gott gelangen, denn Gott ist Unmittelbarkeit. Du brauchst niemanden zu suchen, der dir hilft, zu Gott zu finden. Tantra ist keine Religion im herkömmlichen Sinn, denn es hat keine Rituale, es hat keinen Priester, es hat keine Schriften. Es ist ein individueller Weg zur Wirklichkeit.

Ein Makler ist überhaupt nicht nötig. Der wahre Meister will kein Makler sein. Er hilft dir nicht zu Gott zukommen, er hilft dir nur dabei, dir bewusst zu machen, was schon da ist. Er ist nicht die Brücke zwischen dir und Gott, er ist nur die Brücke zwischen deiner Unbewusstheit und deiner Bewusstheit. In dem Moment, da du bewusst wirst, bist du direkt mit Gott verbunden, unmittelbar, und niemand steht zwischen dir und Gott.

Diese tantrische Vision ist eine der grössten Visionen, die der Mensch je geträumt hat: eine Religion ohne Priester, eine Religion ohne Tempel, eine Religion ohne Organisation, eine Religion, die Individualität ungeheuer achtet, eine Religion, die dem einfachen Mann und der einfachen Frau vertraut. Und dieses Vertrauen geht sehr tief. Tantra vertraut deinem Körper. Keine andere Religion vertraut deinem Körper. Und wenn Religionen deinem Körper nicht vertrauen, schaffen sie eine Kluft zwischen dir und deinem Körper. Sie machen dich zum Feind deines Körpers, sie zerstören die Weisheit deines Körpers.

Tantra vertraut deinem Körper. Tantra vertraut deinen Sinnen. Tantra vertraut deiner Energie. Tantra verneint nichts und transformiert alles. Wie kann man diese tantrische Vision verwirklichen? Hier ist die Karte, dich auf den Weg zu bringen, dich nach innen zu bringen und dich über dich hinauszubringen.

Das erste ist der Körper. Der Körper ist deine Basis, er ist dein Boden, er ist es, wo du geerdet bist. Wenn man dich zum Feind deines Körpers macht, vernichtet man dich, macht man dich schizophren, macht man dich unglücklich. Dein Leben wird zur Hölle. Natürlich bist du mehr als der Körper, aber das "mehr" kommt später. Erst einmal bist du der Körper. Der Körper ist deine grundlegende Wahrheit, deshalb sei niemals gegen den Körper. Wenn immer du gegen den Körper bist, wendest du dich gegen Gott. Wann immer du deinen Körper nicht respektierst, verlierst du den Kontakt zur Wirklichkeit. Dein Körper ist deine Brücke. Dein Körper ist dein Tempel. Tantra lehrt Ehrfurcht vor dem Körper, Liebe und Respekt für den Körper, Dankbarkeit gegenüber dem Körper. Der Körper ist wunderbar. Er ist das grösste Geheimnis.

Aber man hat dir beigebracht, gegen den Körper zu sein. So kommt es, dass du zwar manchmal zutiefst über einen Baum staunst, dass du manchmal tief vom Mond und von der Sonne berührt bist, dass du manchmal tief von einer Blume berührt bist, aber von deinem eigenen Körper noch nie überwältigt warst. Dabei ist dein Körper das komplexeste Phänomen in der ganzen Existenz. Keine Blume, kein Baum hat einen so schönen Körper wie du. Kein Mond, keine Sonne, kein Stern hat einen so hoch entwickelten Mechanismus wie dein Körper.

Doch man hat dir beigebracht, eine Blume schön zu finden. Man hat dir beigebracht, einen Baum schön zu finden. Man hat dir sogar beigebracht Steine, Felsen, Berge und Flüsse schön zu finden, aber niemals wurde dir beigebracht, deinen eigenen Körper zu achten und ihn zu bewundern. Ihr nehmt ihn für gegeben hin, und deshalb ist es so leicht, ihn zu vernachlässigen. Aber er ist das allerschönste Phänomen überhaupt.

Wenn du eine Blume bewunderst, sagen die Leute: "Wie ästhetisch" und man hält dich für einen Mystiker, einen Dichter. Wenn du das Gesicht einer schönen Frau anschaust oder das schöne Gesicht eines Mannes, sagen die Leute: "Das ist Lüsternheit". Wenn du zu einer Frau oder zu einem Mann hingehst, in grosser Ehrfurcht und Hochachtung vor ihr stehst und die Frau mit grossen Augen betrachtest, und deine Sinne ihre Schönheit trinken, dann wirst du von der Polizei abgeführt. Keiner hält dich für einen Mystiker oder einen Dichter, keiner kann billigen, was du da tust.

Irgendetwas ist schief gegangen. Wenn du auf der Strasse einen Fremden ansprichst und sagst: "Was für wunderschöne Augen sie haben!" wirst du verlegen und er fühlt sich verlegen. Er kann nicht einfach "Dankeschön" zu dir sagen. Im Gegenteil, er ist beleidigt. Er wird eingeschnappt sein, denn wer bist du, dass du es wagst, dich in sein Privatleben einzumischen? Wie kannst du so etwas wagen?

Wenn du einen Baum berührst, freut sich der Baum. Aber wenn du einen Menschen berührst, fühlt er sich beleidigt. Was ist schief gelaufen? Irgendetwas ist da zerstört worden, gründlich und sehr tief.

Tantra lehrt dich, die Achtung und die Liebe zu deinem Körper zurückzugewinnen. Tantra lehrt dich, deinen Körper als Gottes grösste Schöpfung zu betrachten. Tantra ist die Religion des Körpers. Natürlich geht Tantra über den Körper hinaus, aber es verlässt ihn niemals. Tantra ist im Körper verwurzelt. Tantra ist die einzige Religion, die tatsächlich in der Erde verwurzelt ist. Andere Religionen sind wie entwurzelte Bäume, morsch, abgestumpft, tot; es fliesst kein Saft mehr in ihnen.

Tantra ist wirklich saftig, sehr lebendig. Als erstes musst du lernen, den Körper zu achten. Du musst den ganzen Unsinn vergessen, den man dir über den Körper beigebracht hat. Sonst wird dich nichts je auf den Weg bringen, wird dich nichts nach innen bringen, wird dich nichts über dich selbst hinausbringen.

Fange beim Anfang an. Der Körper ist der Anfang. Der Körper muss von vielen Repressionen gereinigt werden. Er braucht eine grosse Katharsis. Der Körper ist vergiftet worden, weil du dich gegen ihn gestellt hast; du hast ihn auf vielerlei Weise unterdrückt. Dein Körper vegetiert am Minimum, deshalb bist du unglücklich. Tantra sagt: Seligkeit kommt erst, wenn du am Optimum existierst, niemals vorher. Seligkeit ist nur möglich, wenn du intensiv lebst.

Du bist immer nur lauwarm. Das Feuer ist abgekühlt. Über Jahrhunderte hinweg hat man das Feuer gelöscht. Das Feuer muss neu entfacht werden. Tantra sagt: reinige zuerst den Körper - reinige ihn von allen Repressionen. Lass die Körperenergie fliessen, beseitige die Blockaden. Es ist sehr schwierig, jemand zu treffen, der keine Blockaden hat, es ist sehr schwierig, jemand zu treffen, dessen Körper nicht verspannt ist. Lockere diese Verspanntheit. Die Verspanntheit blockiert deine Energie. Bei dieser Verspanntheit ist kein Fliessen möglich.

Warum sind alle so verklemmt? Warum kannst du dich nicht entspannen? Hast du einmal eine Katze beobachtet, wenn sie am Nachmittag ein Schläfchen hält? Wie einfach und wie schön die Katze sich entspannt. Kannst du dich nicht genauso entspannen? Wir müssen lernen wie die Katzen zu schlafen, der Mensch hat es vergessen.

Tantra sagt: lernt von den Katzen - wie sie schlafen, wie sie entspannen, wie unverkrampft sie leben. Die ganze Tierwelt lebt unverkrampft. Der Mensch muss es wieder lernen, denn er ist falsch konditioniert worden. Schon in früher Kindheit hat man euch beigebracht, verspannt zu sein. Ihr atmet nicht... aus Angst. Aus Angst vor ihrer Sexualität atmen die Menschen nicht, denn wenn man tief atmet, geht der Atem direkt ins Sexzentrum, massiert es von innen, erregt es. Weil man euch beigebracht hat, dass Sex gefährlich ist, atmet schon das Kind ganz flach. Der Atem kommt nicht über die Brust hinaus. Weiter kommt das Kind nicht. Sobald es tiefer atmet, wird es plötzlich erregt: Die Sexualität wird geweckt, und Angst kommt auf. Sobald ihr tief atmet, wird Sexenergie frei.

Die Sexenergie muss freigesetzt werden. Sie muss dein ganzes Wesen durchströmen. Dann wird dein Körper orgasmisch. Aber du hälst den Atem an vor lauter Angst, und die Lungen füllen sich fast bis zur Hälfte mit Kohlendioxid. In den Lungen gibt es sechstausend Hohlräume, und normalerweise werden dreitausend davon nie gereinigt; sie sind immer voller Kohlendioxid. Ausserdem sind viele so unvernünftig und Verunreinigen ihre Lungen tagtäglich durch das Rauchen. Auch die Luft in den Städten und Industrieregionen ist durch Autoabgase und dem Ausstoss der Fabriken permanent verschmutzt. Deshalb seid ihr träge, deshalb seht ihr nicht wach aus, deshalb fällt Bewusstsein so schwer. Es ist kein Zufall, dass sowohl Yoga als auch Tantra lehren tief zu Atmen - pranayama - um die Lungen vom Kohlendioxid zu entlasten. Das Kohlendioxid ist nicht für euch bestimmt, es muss ständig ausgestossen werden, man muss neue, frische Luft einatmen, man muss mehr Sauerstoff atmen. Sauerstoff entfacht euer inneres Feuer, Sauerstoff entflammt euch. Aber Sauerstoff wird auch eure Sexualität entfachen. Also kann nur Tantra wirklich tiefes Atmen zulassen, nicht einmal Yoga erlaubt euch, richtig tief zu atmen. Yoga erlaubt euch nur, bis zum Bauchnabel zu atmen, nicht darüber hinaus. Ihr sollt nicht durchs Hara-Zentrum gehen, nicht durch den Swadhistan-Punkt; denn wenn man erst einmal durch Swadhistan geht, springt man ins muladhar, ins Sexzentrum.

Nur Tantra lässt euch total sein und total fliessen. Tantra gibt euch bedingungslose Freiheit, so wie ihr seid und wie immer ihr eben zu sein vermögt. Tantra setzt euch keine Grenzen; es definiert euch nicht, es gibt euch einfach totale Freiheit. Die Erkenntnis dahinter ist die, dass wenn ihr total frei seid, vieles möglich ist.

Nur sexuell sehr lebendige Menschen sind intelligente Menschen. Nun, es muss die Vorstellung sein, dass Sex Sünde ist, was die Intelligenz zerstört hat. Wenn du wirklich im Fluss bist und nicht gegen deine Sexualität ankämpfst, sondern mit ihr im Einklang bist, dann wird dein Verstand optimal funktionieren; du wirst intelligent, wach und lebendig sein.

Man muss sich den Körper zum Freund machen, sagt Tantra. Wenn ihr dem Strom der Körperelektrizität erlaubt, von der Fussspitze bis zum Kopf zu fliessen, wenn ihr der Energie, der Bioenergie, totale Freiheit lasst, dann werdet ihr zu einem Fluss und spürt den Körper überhaupt nicht mehr. Ihr werdet euch beinahe körperlos fühlen. Alle Schmerzen und Spannungen, die ihr sonst spürt, sind dann mit einem Male verschwunden. Wenn ihr nicht mit dem Körper kämpft, werdet ihr körperlos. Wenn ihr gegen den Körper kämpft, wird der Körper zur Last. Und wenn ihr euren Körper wie eine Last mit euch herumtragt, werdet ihr niemals zu Gott gelangen.

Der Körper muss schwerelos werden, so dass du den Boden fast nicht mehr berührst, das ist die tantrische Art zu gehen. Du bist so schwerelos, dass es keine Schwerkraft gibt, du hast fast das Gefühl zu fliegen. Doch das kommt nur, wenn du Ja sagen kannst zu deinem Körper.

Es wird nicht leicht sein, deinen Körper zu akzeptieren. Du verurteilst ihn, findest immer etwas daran auszusetzen. Du achtest ihn nicht, liebst ihn nicht, aber dann erwartest du ein Wunder: dass einer kommt und deinen Körper liebt. Wenn du selbst ihn nicht lieben kannst, wie willst du dann jemanden finden, der deinen Körper liebt? Wenn du selbst ihn nicht lieben kannst, wird niemand deinen Körper lieben, denn deine Ausstrahlung wird die Leute abstossen. Man kann sich nur in jemanden verlieben, der sich selber liebt. Anders geht es nicht. Zuerst musst du dich selber lieben und erst aus dieser Mitte heraus, können sich andere Formen der Liebe entfalten. Du liebst deinen Körper nicht. Du versteckst ihn ständig auf tausendundeine Art. Du versteckst den Geruch deines Körpers, du versteckst deinen Körper in Kleidern, du versteckst deinen Körper hinter Schmuck. Du versuchst eine gewisse Schönheit herzustellen, die dir ständig zu fehlen scheint, und genau durch dieses Bemühen wirst du künstlich. Nun, man stelle sich nur eine Frau vor, die sich die Lippen bemalt hat. Lippen sollten aus Lebensfülle rot sein, sie sollten nicht bemalt werden. Sie sollten aus Liebe lebendig sein, sie sollten deshalb lebendig sein, weil du lebendig bist.

Habt ihr schon einmal einen hässlichen Vogel gesehen? Habt ihr schon einmal ein hässliches Reh gesehen? Das gibt es einfach nicht. Sie gehen in keinen Schönheitssalon und fragen keinen Fachmann. Sie akzeptieren sich einfach, und ihre Schönheit liegt in diesem Akzeptieren. Gerade in diesem Akzeptieren lassen sie die Schönheit über sich regnen. Sobald ihr euch akzeptiert, werdet ihr schön. Wenn ihr euch an eurem eigenem Körper erfreut, werdet ihr auch andere mit ihm erfreuen. Viele Leute werden sich in euch verlieben, denn ihr seid selbst in euch verliebt.

Warum kamen so viele Menschen zu Buddha, warum kamen so viele Menschen zu Saraha (buddhistischer Tantriker und Mönch, ein Schüler Buddhas, der vor über 2000 Jahren in Indien lebte, und dessen Schriften die Grundlage für diesen Text sind), warum kamen so viele Menschen zu Jesus? Diese Mystiker waren in sich selbst verliebt. Sie trugen solch eine Liebe in sich, sie erfreuten sich so sehr an ihrem Wesen, dass jeder, der vorbeikam, ganz natürlich von ihnen angezogen wurde; sie waren wie Magneten. Sie waren so bezaubert von ihrem Wesen, wie konnte man sich diesem Zauber entziehen? Einfach bei ihnen zu sein, war reine Glückseligkeit.

Das erste, was Tantra lehrt, ist: sei liebevoll zu deinem Körper, mache dir deinen Körper zum Freund, achte und respektiere deinen Körper, sorge gut für deinen Körper, es ist ein Geschenk Gottes. Behandle ihn gut, und er wird dir grosse Geheimnisse offenbaren. Dein Wachstum hängt davon ab, was für eine Beziehung du zu deinem Körper hast.

Und das zweite, vorüber Tantra spricht, sind die Sinne. Und wieder sind die Religionen gegen die Sinne. Sie versuchen, die Sinne und die Sensibilität abzustumpfen. Die Sinne sind eure Tore zur Wahrnehmung, die Sinne sind das Fenster zur Wirklichkeit. Was ist dein Auge? Was sind deine Ohren? Was sind dein Mund und deine Nase? Fenster zur Realität, Fenster zu Gott. Wenn du richtig sehen kannst, kannst du Gott überall sehen. Also dürfen die Augen nicht zu sein, sie müssen richtig aufgemacht werden. Das gleiche gilt für alle Sinne, denn sie sind Tore zum Göttlichen.

Die Vögel singen Mantras. Die Bäume halten Vorträge über das Schweigen. Alle Töne sind Gottes Töne, und alle Formen sind seine Formen. Wenn Du also keine Sensibilität, keine Sensitivität in dir hast, wie willst du Gott erkennen können? Man schickt euch in eine Kirche, in einen Tempel, in eine Moschee, um ihn dort zu finden. Dabei ist er doch überall. Aber wenn du ihn erkennen willst, brauchst du dazu klare, reine Sinne.

Tantra lehrt also, dass die Sinne die Tore der Wahrnehmung sind. Man hat sie abgestumpft. Eure Sinne müssen gereinigt werden. Eure Sinne sind wie ein Spiegel, der stumpf geworden ist, weil sich so viel Staub auf ihm angesammelt hat. Der Staub muss weggewischt werden.

Seht euch den tantrischen Ansatz an. Tantra sagt: Koste Gott in jedem Geschmack. Tantra sagt: Fliesse total in deine Berührung ein, denn was immer du berührst, ist göttlich. Es ist eine radikale Revolution, sie setzt bei den Wurzeln an. Berühre, rieche, schmecke, schaue, höre so total wie möglich. Ihr werdet diese Sprache erst lernen müssen, denn die Gesellschaft hat sie euch vergessen lassen.

Jedes Kind wird mit wunderbaren Sinnen geboren. Wenn es etwas anschaut, geht es völlig darin auf. Wenn es mit seinen Spielsachen spielt, vergisst es die ganze Welt um sich herum. Wenn es schaut, wird es ganz Auge. Seht euch die Augen eines Kindes an. Wenn es hört, wird es ganz Ohr. Wenn es etwas isst, das ist es mit allen Sinnen. Es wird zu einem einzigen Schmecken. Seht euch ein Kind an, wenn es einen Apfel isst. Mit welchem Genuss! Mit was für einer Energie! Mit welcher Lust! Seht euch ein Kind an, wenn es im Garten hinter einem Schmetterling her rennt. Es geht so darin auf, dass selbst Gott es nicht ablenken könnte. So ein totaler, meditativer Zustand, und ohne jede Anstrengung. Seht euch ein Kind an, dass Muscheln am Strand sucht, als ob es Diamanten wären. Alles ist kostbar, wenn die Sinne lebendig sind, alles ist klar, wenn die Sinne lebendig sind.

Später im Leben wird dasselbe Kind die Wirklichkeit so wahrnehmen, als wäre sie hinter einer abgedunkelten Scheibe verborgen. Viel Rauch und Staub haben sich auf dem Glas niedergeschlagen, und du hast dich dahinter versteckt. Du guckst, und alles sieht dumpf und matt aus. Du betrachtest einen Baum, und der Baum sieht glanzlos aus, weil deine Augen stumpf sind. Du hörst ein Lied, und es spricht dich nicht an, weil deine Ohren abgestumpft sind. Selbst wenn du ein Lied von Saraha hörst, gefällt es dir nicht, weil deine Intelligenz abgestumpft ist. Versuche, deine vergessene Sprache zurückzugewinnen. Wann immer du Zeit hast, geh' mehr in deine Sinne hinein. Wenn du isst, iss nicht einfach nur, sondern versuche, die vergessene Sprache des Schmeckens wieder zu lernen. Berühre das Brot, fühle seine Struktur. Fühle es mit offenen Augen, fühle es mit geschlossenen Augen. Wenn du kaust, kaue wirklich: du kaust Gott. Vergiss das nicht. Es wäre respektlos, nicht richtig zu kauen, nicht richtig zu schmecken. Lass es ein Gebet sein, und ein neues Bewusstsein wird in dir aufsteigen.

Berühre die Menschen mehr. Wir sind voller Berührungsängste. Wenn jemand mit dir spricht und dir zu nahe kommt, weichst du zurück. Wir schützen unser Territorium. Wie berühren niemanden und erlauben auch anderen nicht, uns zu berühren; wir halten uns nicht an den Händen, wir umarmen uns nicht. Wir freuen uns nicht aneinander.

Geh zu einem Baum und berühre ihn. Berühre den Felsen. Geh zum Fluss und lass den Fluss durch deine Hände rinnen. Fühle ihn! Schwimme und spüre das Wasser so, wie der Fisch es spürt. Lass keine Gelegenheit aus, deine Sinne wiederzubeleben. Und es gibt jeden Tag tausendundeine Gelegenheit. Du brauchst dir nicht extra Zeit dafür zu nehmen. Der ganze Tag ist ein Sensitivitätstraining. Nutze alle Möglichkeiten. Wenn du duschst, nutze die Gelegenheit und spüre, wie sich das Wasser anfühlt, das dir über die Haut rinnt. Lege dich nackt auf den Boden und spüre die Erde. Leg dich an den Strand und fühle den Sand. Lausche dem Klang des Sandes, lausche dem Klang des Meeres. Nutze jede Gelegenheit, nur so kannst du die Sprache der Sinne wieder lernen. Und Tantra kann nur dann verstanden werden, wenn dein Körper lebendig ist und wenn deine Sinne fühlen können. Befreit eure Sinne von Gewohnheiten: Gewohnheiten sind eine der Ursachen für eure Abgestumpftheit. Sucht nach neuen Wegen. Erfindet neue Arten zu lieben.

Die Menschen haben feste Gewohnheiten. Selbst in der Liebe sind sie immer in der gleichen Stellung, der Missionarsstellung. Lasst euch mal was anderes einfallen. Jede Erfahrung sollte mit grosser Einfühlsamkeit erlebt werden. Wenn du mit einer Frau oder mit einem Mann schläfst, mache ein Fest daraus. Und bring jedesmal neue Kreativität in den Liebesakt, lass dir jedesmal etwas Neues einfallen. Ihr könnt tanzen, bevor ihr euch liebt. Ihr könnt beten, bevor ihr euch liebt. Ihr könnt in den Wald laufen und euch danach lieben. So wird euch jedes Liebeserlebnis sensibler machen, und die Liebe wird nicht fad und langweilig werden.

Findet neue Wege, wie ihr den anderen entdecken könnt. Nichts sollte zur Routine erstarren. Man kann sich immer etwas neues einfallen lassen, euren Erfindungen sind keine Grenzen gesetzt. Manchmal kann schon eine kleine Veränderung eine grosse Abwechslung bedeuten. Ihr esst immer am Tisch. Geht doch manchmal einfach hinaus auf den Rasen, setzt euch hin und esst dort. Und ihr werdet ungeheuer überrascht sein: es ist eine völlig andere Erfahrung. Der Geruch des frisch geschnittenen Grases, die Vögel, die herumhüpfen und singen, und die frische Luft, und die Sonnenstrahlen, und das feuchte Gras unter dir. Das ist etwas völlig anderes, als wenn du auf einem Stuhl am Tisch sitzt und isst, es ist eine völlig andere Erfahrung, alles ist anders.

Versuche einmal nackt zu essen, und du wirst überrascht sein. Es ist nur eine kleine Veränderung, nicht viel, du sitzt nackt da, aber es wird eine völlig andere Erfahrung für dich sein, weil etwas neues dazugekommen ist. Normalerweise isst du mit Messer und Gabel, nun iss zur Abwechslung einmal mit den Händen. Das wird eine ganz andere Erfahrung für dich sein. Entdeckt neue Wege in allem, was ihr tut.

Tantra sagt: Wenn ihr es schafft, jeden Tag neue Wege zu entdecken, wird euer Leben spannend, ein Abenteuer. Ihr werdet euch nie langweilen. Ihr werdet immer wissbegierig sein, ihr werdet immer auf der Suche nach dem Neuen und Unbekannten sein. Eure Augen bleiben klar und eure Sinne bleiben klar.

Die Psychologen sagen, dass Dummheit im Alter von sieben Jahren beginnt. Sie beginnt eigentlich schon im Alter von vier Jahren, aber mit sieben wird sie dann ganz offensichtlich. Kinder werden dumm, sobald sie sieben sind. Tatsächlich ist es so, dass ein Kind fünfzig Prozent von allem, was es in seinem ganzen Leben lernen kann, mit sieben Jahren bereits gelernt hat. Wenn der Mensch siebzig Jahre alt wird, dann hat er dreiundsechzig Jahre gebraucht, um die anderen fünfzig Prozent zu lernen.

Der Mensch hört mit zunehmendem Alter auf zu lernen. Was die Intelligenz angeht, fängt ein Kind mit sieben an zu altern. Körperlich beginnt das Altern später. Ab fünfunddreißig Jahren baut der Mensch körperlich ab. Aber geistig hat der Verfall schon längst begonnen.

Ihr mögt es kaum glauben, dass euer geistiges Alter bei zwölf Jahren liegt. Die Menschen wachsen geistig nicht weiter, sie bleiben stehen. Deshalb gibt es so viel kindisches Verhalten auf der Welt. Beleidige einmal einen Sechzigjährigen und in zwei Sekunden wird er zum zwölfjährigen Kind. Und er benimmt sich so, dass du es nicht glauben kannst, eine erwachsene Person vor dir zu haben. Der Mensch verbirgt sein wahres geistiges Alter unter einer hauchdünnen Oberfläche. Man braucht nur ein wenig zu kratzen, und ihr wahres geistiges Alter tritt zutage. Die Menschen sterben als Kinder, sie werden nie erwachsen.

Tantra sagt: Lerne alles auf immer neue Weise zu tun und befreie dich so weit wie möglich von Gewohnheiten. Und Tantra sagt: Imitiere nicht, sonst stumpfen deine Sinne ab. Finde deinen eigenen Weg, die Dinge anzugehen. Hinterlasse in allem, was du anpackst, deine eigene Handschrift. Bringt Individualität in die Dinge.

Und drittens sagt Tantra: Erstens also muss der Körper von Repressionen gereinigt werden. Zweitens müssen die Sinne wieder lebendig werden, und drittens muss der Verstand alles neurotische Denken, zwanghafte Denken aufgeben und muss Wege der Stille lernen. Wann immer es möglich ist, entspanne dich. Wann immer es möglich ist, lass den Verstand aus dem Spiel. Jetzt werdet ihr sagen: "Das ist leicht gesagt, aber wie kann ich den Verstand beiseite lassen?" Er rattert und rattert. Aber es gibt einen Weg.

Tantra sagt: Beobachte diese drei Bewusstheiten.

Bewusstheit Eins: lass den Verstand los; dein Kopf ist voller Gedanken, aber du schaust sie dir einfach nur an, unbeteiligt. Du brauchst dich nicht darüber zu beunruhigen, beobachte einfach. Sei einfach Beobachter, und nach und nach wirst du sehen, dass es zwischen den Gedanken auch Lücken der Stille gibt.

Danach dann: Bewusstheit Zwei: Sobald dir bewusst ist, dass zwischen den Gedanken auch Lücken auftreten, mache dir bewusst, dass das der Beobachtende ist. Beobachte den Beobachter und neue Lücken werden auftreten. Der Beobachter wird allmählich verschwinden, genau wie die Gedanken. Eines Tages wird auch der Denker allmählich verschwinden. Dann entsteht die wirkliche Stille.

Mit der dritten Bewusstheit gibt es kein Objekt und kein Subjekt mehr. Du bist in die Dimension des Jenseits eingetreten.

Wenn du diese drei Dinge geschafft hast - der Körper ist gereinigt von Repression, die Sinne sind befreit von Dumpfheit, der Verstand ist erlöst von zwanghaftem Denken - dann kann eine Vision in dir aufsteigen, die frei ist von allen Illusionen. Das ist die tantrische Vision.


-Osho-

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