Tantrische Transformationen
Auszug aus "Die Welt des Tantra" von Osho, http://www.oshomedia.de

Tantra ist Freiheit: Freiheit von allen geistigen Konstruktionen, Freiheit von allen Spielereien des Verstandes, Freiheit von allen Strukturen, Freiheit vom anderen. Tantra ist ein Freiraum, in dem Du sein kannst, so wie Du bist. Tantra ist Befreiung.

Tantra ist keine Religion im üblichen Sinn - denn auch Religion ist eine Spielerei des Verstandes; Religion drängt dir ein Muster auf. Ein Christ hat ein bestimmtes Muster, der Hindu hat eins und auch der Moslem. Religion drängt dir einen bestimmten Stil auf, eine Disziplin. Tantra befreit dich von allen Disziplinen.

Wenn es keine Disziplin gibt, keine aufgezwungene Ordnung, dann entsteht in dir eine völlig andere Ordnung. Es ist eine Ordnung, die Laotse "Tao" nennt und Buddha "Dharma". Diese Ordnung kommt nicht von Dir, sie widerfährt dir. Tantra schafft in dir nur den Raum, in dem sie sich ereignen kann. Tantra lädt diese Ordnung nicht ein, es wartet nicht einmal auf sie. Tantra bereitet den Boden vor, das ist alles. Und wenn der Freiraum geschaffen ist, dann ergiesst sich das All in ihn.

Ich habe eine sehr schöne, eine uralte Geschichte gehört. Auf dem Land hat es seit langer Zeit nicht geregnet. Alles war ausgedörrt. Schliesslich beschlossen die Leute, den Regenmacher zu holen. Eine Abordnung machte sich auf den Weg in die weit entfernte Stadt, wo der Regenmacher lebte, und die Abgesandten baten ihn dringend darum, so schnell wie möglich zu kommen und Regen für ihre ausgedörrten Felder zu machen. Der Regenmacher, ein weiser, alter Mann, sagte zu, allerdings unter der Bedingung, dass man ihm eine kleine Hütte irgendwo draussen auf dem Lande gäbe. Dort wollte er sich für drei Tage zurückziehen. Essen und Trinken brauche er nicht. Nach drei Tagen wolle er sehen, was er machen könne. Seine Bedingungen wurden erfüllt. Am Abend des dritten Tages goss es in Strömen und eine begeisterte Menschenmenge pilgerte zur Hütte des Regenmachers. "Was hast du bloss gemacht?" wollten die Leute wissen. "Sag' es uns."

"Es war ganz einfach" antwortete der Regenmacher. "Drei Tage lang habe ich nur mich selber in Ordnung gebracht. Denn ich weiss: wenn in mir alles in Ordnung ist, dann ist auch die ganze Welt in Ordnung, und die Dürre muss dem Regen weichen".

Tantra sagt: Wenn du in Ordnung bist, dann ist die ganze Welt in Ordnung. Wenn Du ausgeglichen bist, dann ist die ganze Existenz in Harmonie für dich. Und wenn in dir keine Ordnung ist, dann ist auch die ganze Welt in Unordnung. Wenn du dir eine Ordnung aufzwingst, spaltest du nur dein Wesen, und tief in deinem Inneren existiert die Unordnung weiter.

Du kannst es beobachten: wenn du viel Wut in dir hast, kannst du zwar deinen Zorn in den Griff bekommen, du kannst ihn tief in dein Unterbewusstsein verdrängen, aber er wird dadurch nicht verschwinden. Vielleicht wirst du deine Wut vollkommen aus deinem Bewusstsein verbannen, aber sie existiert - und du weisst, dass es sie gibt. Deine Wut rumort im Untergrund, sie sitzt unsichtbar im dunklen Keller deines Wesens, aber sie existiert. Du kannst auf ihr draufsitzen und freundlich lächeln, aber du weisst, dass die Wut in jedem Moment losbrechen kann. Und dein Lächeln kann nicht vom Herzen kommen, und dein Lächeln kann nicht echt sein, und dein Lächeln wird nichts weiter sein, als ein Zwang, den du dir selber antust. Ein Mensch, der sich eine Ordnung von aussen aufzwingt, verharrt im Zustand der Unordnung. Tantra sagt, dass es eine andere Art von Ordnung gibt; du zwingst dir nicht irgendeine Ordnung auf, du zwingst dir nicht irgendeine Disziplin auf, du lässt einfach alle Strukturen los und wirst natürlich und spontan.

Es ist der grösste Schritt den man vom Menschen verlangen kann. Man braucht viel Mut dazu, denn die Gesellschaft wird ganz und gar dagegen sein. Die Gesellschaft will eine gewisse Ordnung. Wenn du dich nach der Gesellschaft richtest, dann wird sie zufrieden mit dir sein. Wenn du aber hier und da ein bisschen vom Pfad der Ordnung abweichst, dann wird die Gesellschaft sehr wütend, und der Mob rast.

Tantra ist eine Rebellion. Ich nenne Tantra nicht revolutionär, denn es ist nicht politisch. Und ich nenne es nicht revolutionär, weil es die Welt nicht verändern will; es ist keine Strategie zur Veränderung von Staat und Gesellschaft. Tantra ist rebellisch, es ist eine Rebellion des Individuums. Ein einzelner Mensch löst sich von den Strukturen und entkommt der Sklaverei. Aber in dem Moment, wo du der Sklaverei entschlüpfst, erlebst du eine völlig andere Art der Existenz, eine Existenz, die du noch nie gespürt hast, es ist so als ob du eine Binde vor den Augen hattest, die plötzlich abfällt. Du öffnest die Augen, und du kannst plötzlich eine ganz andere Welt sehen.

Diese Augenbinde ist das, was ihr euren Verstand nennt, eure Gedanken, eure Vorurteile, eure Kenntnisse, eure heiligen Schriften - all das fügt sich zusammen zu einer dicken Augenbinde. Sie halten euch im Dunkeln, sie machen euch dumpf, sie hindern euch daran, lebendig zu sein.

Tantra möchte, dass du lebendig bist - so lebendig wie die Bäume, so lebendig wie die Flüsse, so lebendig wie die Sonne und der Mond. Das ist dein Geburtsrecht. Wenn du deine Lebendigkeit verlierst, gewinnst du nichts, du verlierst alles. Und wenn du alles opferst, damit du lebendig sein kannst, verlierst du in Wahrheit nichts.

Ein einziger Moment der Freiheit ist ein ganzes Leben wert, und ein langes Leben von hundert Jahren unter dem Sklavenjoch ist ein vergeudetes Leben.

Wer in der Welt des Tantra leben will, braucht Mut, denn Tantra ist abenteuerlich. Bis jetzt ist es nur ein paar Menschen gelungen, diesen Pfad einzuschlagen. Aber die Zukunft ist hoffnungsvoll. Tantra wird immer wichtiger werden. Die Menschen beginnen zu begreifen, was Sklaverei bedeutet. Und die Menschen verstehen allmählich auch, dass keine politische Revolution sich je als revolutionär erwiesen hat.

Alle politischen Revolutionen verwandeln sich am Ende in eine Anti-Revolution. Sobald die Revolutionäre an der Macht sind, werden sie Anti-Revolutionäre. Macht ist anti-revolutionär, das ist der innere Mechanismus der Macht. Gib' irgendjemand die Macht, und schon wird er anti-revolutionär. Macht schafft sich ihre eigene Welt. Es hat viele Revolutionen auf der Welt gegeben, und alle sind gescheitert, total gescheitert - keine einzige Revolution hat irgendetwas erreicht. Und jetzt endlich wird das den Menschen bewusst.

Tantra bietet eine andere Perspektive. Es ist nicht revolutionär, es ist rebellisch. Rebellion ist individuell. Du kannst alleine rebellieren, du brauchst dafür keine Partei zu gründen. Du kannst allein rebellieren, ganz für dich allein. Merkt euch, Rebellion bedeutet nicht Kampf gegen die Gesellschaft, sie geht einfach über die Gesellschaft hinaus. Rebellion ist nicht anti-sozial, sie ist asozial. Sie hat mit der Gesellschaft nichts zu tun. Sie ist für die Freiheit, für die Freiheit, so zu sein, wie du bist.

Schau dir dein Leben einmal an. Bist du ein freier Mensch? Du bist es nicht: tausend Fesseln halten dich gefangen. Du willst sie nicht sehen, du magst sie nicht wahrhaben - sie sind dir sehr peinlich, denn das tut weh, aber es ändert an der Situation nichts. Du bist ein Sklave. Wenn du in die Welt des Tantra eintreten willst, musst die die Tatsache deiner Unfreiheit anerkennen. Sie sitzt sehr tief. Sie muss überwunden werden, und wenn du sehen kannst, dass du unfrei bist, dann fällt es dir leichter, deine Unfreiheit abzuschütteln.

Höre auf damit, dir etwas vorzumachen, höre auf dich zu trösten, höre auf damit, dir ständig einzureden "Es ist doch alles okay!" Es ist nicht so. Nichts ist okay, dein ganzes Leben ist nichts weiter als ein Albtraum. Schaue es dir doch mal genau an! Es gibt keine Poesie und keinen Gesang und keinen Tanz und keine Liebe und kein Gebet. Es gibt keine Ekstase. Freude? - ist nur ein Wort im Wörterbuch. Seligkeit? - ja, du hast davon gehört, aber du hast keine Ahnung davon. Gott? - in den Tempeln, in der Kirche. Ja, die Leute reden von ihm, aber wer von Gott redet, weiss nicht, wovon er redet. Und diejenigen, die von ihm hören, wissen ebensowenig. Alles Schöne scheint bedeutungslos, und alles, was keine Bedeutung hat, erscheint als sehr, sehr wichtig. Der Mensch ist ständig damit beschäftigt, Geld zu scheffeln, und er bildet sich ein, dass er etwas äusserst wichtiges tut. Die Dummheit des Menschen kennt keine Grenzen.

Hüte dich davor, die Dummheit kann dein Leben zerstören. Sie zerstört seit ewigen Zeiten das Leben von Millionen von Menschen. Sei wachsam - das ist die einzige Möglichkeit aus der Dummheit herauszukommen.

Bevor wir uns den heutigen Sutras zuwenden, müssen wir etwas von der tantrischen Landkarte des inneren Bewusstseins verstehen. Ich habe euch schon einiges davon berichtet, aber ihr müsst noch mehr davon wissen.

Erstens: Tantra sagt, dass kein Mann nur Mann ist und keine Frau nur Frau. Jeder Mann ist beides - Mann und Frau. Und mit der Frau ist es genauso - sie ist Frau und Mann. Eva ist Adam und Adam ist Eva.

Tatsächlich ist niemand nur Adam, und niemand ist nur Eva: wir sind alle Adam-Evas. Das ist eine der grössten Einsichten, die es je gegeben hat. Die moderne Tiefenpsychologie hat es auch erkannt. Sie hat den Begriff Bi-Sexualität geprägt. Aber Tantra weiss es schon seit mindestens fünftausend Jahren und hat es seither gepredigt. Es ist eine der grössten Entdeckungen der Welt, denn mit diesem Verständnis kannst du nach innen gehen, ohne dieses Verständnis kannst Du nicht nach innen gehen. Warum verliebt sich ein Mann in eine Frau? Weil er eine Frau in sich trägt. Wäre das nicht so, dann würde er sich nicht verlieben. Und warum verliebst du dich in eine ganz bestimmte Frau? Es gibt Tausende von Frauen. Warum wird eine bestimmte Frau plötzlich so überaus wichtig für dich? Es ist so, als wären mit einem mal alle anderen Frauen aus der Welt verschwunden und nur diese eine existierte noch. Warum? Warum zieht dich nur dieser eine ganz bestimmte Mann an? Warum diese Liebe auf den ersten Blick?

Tantra sagt: du trägst das Bild einer Frau in dir, du trägst das Bild eines Mannes in dir. Jeder Mann hat eine Frau in sich, und jede Frau hat einen Mann in sich. Sobald jemand deinem inneren Bild entspricht, verliebst du dich - das versteht man unter Liebe. Ihr versteht es nicht. Ihr zieht ratlos die Schultern hoch und sagt: "Es ist eben einfach passiert." Aber es gibt da einen ganz subtilen Mechanismus. Warum passiert es gerade mit dieser Frau? Warum nicht mit einer anderen? Weil das Bild in dir nur auf diese eine Frau passte, deshalb. Die äussere Frau entspricht irgendwie dem Bild deiner inneren Frau. Irgendetwas passt da zusammen, und du fühlst, "das ist meine Frau" oder "das ist mein Mann". Dieses Gefühl ist das, was man unter Liebe versteht. Aber die äussere Frau wird dich nicht erfüllen, denn keine äussere Frau entspricht letztlich vollkommen deiner inneren Frau.

Die Realität ist einfach nicht so. Vielleicht passt sie ein bisschen - es gibt eine gewisse Faszination, eine Anziehungskraft, aber das wird früher oder später nachlassen. Schon bald wirst du feststellen, dass es tausend Dinge gibt, die dir an der Frau nicht gefallen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis du das herausfindest.

An Anfang bist du ganz vernarrt. Die Ähnlichkeit mit dem Bild, das du in dir trägst, überwältigt dich. Aber ganz allmählich wirst du tausend Dinge entdecken - Kleinigkeiten im Alltag, die nicht passen, und du wirst erkennen, dass ihr einander fremd seid. Ja, du liebst sie immer noch, aber die Liebe ist keine Leidenschaft mehr; die romantische Vorstellung verschwindet. Und auch die Frau wird sehen, dass du zwar immer noch anziehend bist, aber dass deine Totalität nachgelassen hat. So kommt es, dass jeder Ehemann seine Frau verändern und das jede Ehefrau ihren Ehemann ummodeln will. Was wollen wir eigentlich damit erreichen? Warum? Warum will die Ehefrau ständig ihren Mann umkrempeln? Wozu eigentlich? Kaum hat sie sich in ihn verliebt, schon fängt sie an, ihn zu ändern. Kaum sind ihr die Unterschiede bewusst geworden, will sie sie auch schon beseitigen. Sie möchte einfach ein paar störende Brocken von dem Mann absäbeln, damit er dann vollkommen ihrer Idealvorstellung entspricht. Und der Mann versucht das gleiche - nicht so heftig, nicht so stur wie die Frau, denn gewöhnlich gibt der Ehemann schneller auf - die Frau gibt die Hoffnung nicht so schnell auf.

Die Frau denkt: "Heute oder morgen oder übermorgen - irgendwann - werde ich ihn verändern..." Es dauert fast zwanzig, fünfundzwanzig Jahre, bist du endlich die Tatsache begreifst, dass du den anderen nicht ändern kannst. Mit fünfzig, wenn die Frau ihre Wechseljahre schon hinter sich hat und der Mann auch, wenn sie beide wirklich alt werden, erst dann geht ihnen langsam auf, dass sich nichts verändert hat. Sie haben sich die grösste Mühe gegeben, sie haben alles versucht... aber die Frau ist so, wie sie immer war, und der Mann ist auch unverändert. Keiner kann den anderen ändern. Das ist eine der wichtigsten Erfahrungen im Leben und eine grosse Einsicht.

Deshalb werden die Leute im Alter toleranter: sie wissen, dass nichts getan werden kann. Deshalb werden alte Leute liebenswürdiger: sie wissen, die Dinge sind, wie sie sind. Deshalb werden alte Leute verständnisvoller. Junge Leute sind wütend und uneinsichtig. Sie wollen alles umkrempeln. Sie wollen die Welt verändern, damit sie ihren Idealen entspricht. Sie kämpfen tapfer dafür, aber vergebens. Veränderung hat es nie gegeben. Es kann sie nicht geben - es liegt nicht in der Natur der Dinge. Der äussere Mann kann niemals deinem inneren Mann entsprechen, und die äussere Frau kann niemals haargenau so sein wie deine innere Frau. Deshalb bringt Liebe nicht nur Vergnügen, sondern auch Schmerz. Liebe bringt Freude und Traurigkeit, und die Traurigkeit ist viel grösser als die Freude.

Was schlägt Tantra vor? Was muss getan werden? Tantra sagt: Es ist unmöglich, das Glück draussen zu finden; du musst nach innen gehen. Du musst deine innere Frau oder deinen inneren Mann finden und die sexuelle Verschmelzung mit deinem Inneren suchen. Diese Erkenntnis ist eine wichtige Errungenschaft. Wie kann das geschehen? Versuch, die innere Landkarte des Tantra zu verstehen. Ich sprach von sieben Chakras der Tantra-Yoga-Physiologie. Im Mann ist das Muladhar männlich und Swadhistan weiblich. In der Frau ist das Muladhar weiblich und das Swadhistan männlich. In den sieben Chakras ist die Dualität bis hinauf ins sechste Chakra vorhanden; das siebte Chakra ist nicht dual. Die Vereinigung findet in dir statt: Muladhar und Swadhistan vermählen sich. Manipura-Anahata (zweites Zentrum) müssen sich vermählen. Visudda-Ajna (drittes Zentrum) müssen sich vermählen.

Wenn deine Energie nach aussen geht, brauchst du aussen eine Frau, eine äussere Frau. Einen Augenblick lang gewinnst du einen Einblick, nur für einen Moment, denn der Koitus mit der äusseren Frau kann nicht dauerhaft sein - er kann nur momentan sein. Für einen einzigen Augenblick nur kannst du dich in den anderen verlieren. Dann wirst du wieder auf dich zurückgeworfen, mit Macht auf dich zurückgeworfen. So kommt es, dass nach jedem Liebesakt eine gewisse Frustration einsetzt: du hast wieder gesagt, es war nicht so, wie du es dir gewünscht hattest. Ja, du hast einen Höhepunkt erreicht, aber bevor es dir überhaupt bewusst wurde, hatte schon der Niedergang, der Absturz begonnen. Bevor du den Gipfel erreicht hattest.... das Tal. Bevor du dem Mann, der Frau begegnet bist... und schon die Trennung. Die Scheidung kommt schon mit der Hochzeit - so schnell, dass es frustrierend ist. Alle Liebenden sind frustrierte Leute. Sie erwarten viel, sie hoffen trotz all ihrer Erfahrung. Sie hoffen und hoffen, aber nichts hilft - du kannst die Gesetze der Realität nicht abschaffen. Du musst vielmehr diese Gesetze verstehen. Die äussere Vereinigung kann nur momentan sein, aber die innere Vereinigung kann eine Ewigkeit dauern. Und je höher im Chakra-System du steigst, desto ewiger kann die Vereinigung werden.

Das erste, Muladhar, ist im Mann männlich. Tantra rät dir: erinnere dich an deine innere Frau sogar dann, wenn du dich mit der äusseren Frau vereinigst. Mache Liebe mit der äusseren Frau und denke dabei an die innere. Richte deine Bewusstheit nach innen und vergesse die äussere Frau vollkommen. Im Augenblick des Orgasmus vergesse den Mann oder die Frau vollkommen. Schliesse die Augen, sei innen und mache eine Meditation daraus. Verpasse die günstige Gelegenheit nicht, wenn die Energie erwacht. Das ist der Augenblick für die Begegnung - für eine Reise nach innen. Normalerweise ist es schwer, nach innen zu schauen. Aber im Liebesmoment ist eine Lücke, und du bist nicht mehr so, wie du sonst bist. In einem Liebesmoment bist du ein Maximum. Wenn der Orgasmus kommt, pulsiert deine ganze körperliche Kraft in einem Tanz; jede Zelle, jede Faser deines Körpers tanzt in einem Rhythmus, in einer Harmonie, die du im normalen Leben nicht kennst. Das ist der Augenblick: dieser Augenblick der Harmonie - nutze ihn als ein Tor nach innen. Wenn du Liebe machst, werde meditativ, schaue nach innen.

In diesem Augenblick öffnet sich eine Tür. Das ist die Tantra-Erfahrung. Eine Tür öffnet sich in diesem Augenblick, und Tantra sagt, dass du nur deshalb glücklich bist, weil sich diese Tür geöffnet hat und dir deine innere Glückseligkeit entgegenströmt. Das Glück kommt nicht von der äusseren Frau. Es kommt nicht von dem äusseren Mann; es kommt von deinem innersten Kern. Das Äussere ist nur ein Vorwand.

Tantra sagt nicht, dass man sündigt, wenn man mit der äusseren Frau oder dem äusseren Mann schläft, es sagt nur, dass dieser Akt nicht sehr weit führt. Es verurteilt ihn nicht, es akzeptiert seine Natürlichkeit. Aber es sagt auch, dass du dich von dieser Liebeswelle tief nach innen tragen lassen kannst. In diesem Augenblick höchster Erregung scheint die Schwerkraft aufgehoben: du kannst fliegen. Der Pfeil kann den Bogen zum Ziel führen. Du kannst ein Saraha werden.

Wenn du beim Liebesakt meditativ wirst, wenn du still wirst, wenn du deine Augen schliesst und nach innen schaust, wenn du die äussere Frau oder den äusseren Mann vergisst - dann geschieht es. Das Muladhar, dein männliches inneres Zentrum, bewegt sich auf das weibliche Zentrum Swadhistan zu - und dann kommt es zu einem inneren Liebesakt.

Manchmal ereignet es sich und du merkst es gar nicht. Bisher kanntet ihr die innere Tantra-Landkarte nicht. Jetzt werde ich sie euch geben. Ein Sanyassin schrieb, dass er ständig das Gefühl hat, sich in einem Orgasmus aufzulösen. Sein ganzer Körper fängt an zu pulsieren, und es fühlte sich für ihn so an, als ob er mit einer Frau schlafe. Natürlich ist er ganz verwirrt. Das Glück ist so überwältigend, dass ihm Angst und Bange wird: Was ist los? Was passiert da in ihm?

Ganz einfach: Muladhar vereinigt sich mit Swadhistan, dein männliches Zentrum vereinigt sich mit deinem weiblichen Zentrum. Du erfährst das Glück, das sich einstellt, wenn du in Meditation gehst, wenn du ins Gebet gehst. Dies ist der Mechanismus deiner inneren Lebensfreude. Und in dem Augenblick, da sich Muladhar und Swadhistan vereinigen, wird die Energie freigesetzt. Wenn du deine Frau liebst, wird Energie freigesetzt, und so ist es auch, wenn sich Muladhar und Swadhistan vereinigen: Energie wird freigesetzt, und diese Energie trifft auf das höhere Zentrum, Manipura.

Manipura ist männlich, Anahata ist weiblich. Wenn du dich auf die erste Vereinigung deiner inneren Frau und deinem inneren Mann eingestimmt hast, wird sich eines Tages, ganz plötzlich die zweite Vereinigung ereignen. Du brauchst gar nichts dafür zu tun - es ist einfach so, dass die Energie, die bei der ersten Vereinigung freigesetzt wurde, nun die Voraussetzung für die zweite Vereinigung schafft. Und die Energie, die bei der zweiten Vereinigung erwacht, löst die dritte aus.

Die dritte Vereinigung ist die zwischen Visuddha und Ajna. Und wenn sich die dritte Begegnung ereignet, wird die Energie für die vierte geschaffen, die keine Begegnung ist, keine Vereinigung, sondern Einheit. Saharar ist allein. Es gibt kein männlich-weiblich mehr. Adam und Eva sind ineinander aufgegangen und verschwunden - vollständig und total. Der innere Mann ist zur Frau geworden, die innere Frau zum Mann, alles Trennende ist verschwunden. Das ist die absolute, die ewige Vereinigung. Die Hindus nennen es Satchitananda. Und Jesus nennt es "Das Reich Gottes".

Tatsächlich hat die Zahl sieben in allen Religionen Bedeutung. Sieben Tage sind symbolisch, und der siebte Tag ist der Feiertag, der heilige Tag. Sechs Tage lang hat Gott gearbeitet, am siebten ruhte er sich aus. An sechs Chakras musst du arbeiten, das siebte Chakra ist der Zustand grosser Ruhe, absoluter Entspannung - du bist zu Hause angekommen. Mit dem siebten Chakra verschwindest du als Dualität.

Alle Polaritäten verschwinden, alle Unterscheidungen verschwinden. Die Nacht ist nicht mehr die Nacht, und der Tag ist nicht mehr der Tag. Sommer ist nicht mehr Sommer und Winter ist nicht mehr Winter. Materie ist nicht mehr Materie, und Geist ist nicht mehr Geist - du bist darüber hinausgegangen. Das ist der transzendentale Bereich, den Buddha Nirvana nennt. Diese drei inneren Begegnungen und die Errungenschaft der vierten haben auch eine andere Dimension. Ich habe oft zu euch von den vier Zuständen gesprochen: Schlaf, Traum, Aufwachen, Turiya. Turiya bedeutet "das Vierte, "das Jenseitige". Die sieben Chakras und unsere Arbeit mit ihnen, korrespondieren auch mit diesen vier Zuständen.

Die erste Vereinigung, die zwischen Muladhar und Swadhistan ist wie im Schlaf. Die Vereinigung ereignet sich, aber du kriegst das gar nicht so richtig mit. Du geniesst sie, du fühlst, wie eine wunderbare Frische in dir aufsteigt. Du fühlst dich sehr ausgeruht, wie nach einem tiefen Schlaf. Aber du kannst nichts genauer wahrnehmen - es ist sehr dunkel. Der Mann und die Frau in dir sind sich begegnet, aber es war eine Begegnung im Unbewussten. Die Vereinigung hat nicht am hellen Tag stattgefunden, sondern in dunkler Nacht. Ja, du spürst die Auswirkungen, du nimmst plötzlich eine Energie in dir wahr, eine Strahlkraft, ein Glühen. Du hast eine Aura. Und es mag sogar sein, dass die Menschen in deiner Umgebung eine gewisse Präsenz an dir wahrnehmen, eine Schwingung. Aber du selbst weisst nicht genau, was los ist. Deshalb ist die erste Vereinigung wie im Schlaf.

Die zweite Vereinigung ist wie im Traum - wenn Manipura und Anahata sich begegnen, ist deine Vereinigung mit der inneren Frau so, als wäret ihr euch im Traum begegnet. Ja, du kannst dich ein bisschen daran erinnern, etwa so, wie du dich am Morgen an den Traum erinnern kannst, den du in der Nacht hattest - hier ein bisschen, da ein bisschen, einige Lichtblicke; vielleicht hast du etwas vergessen - dennoch kannst du dich irgendwie erinnern. Die zweite Vereinigung ist wie im Traum. Es ist dir bewusst, dass sie stattfand. Langsam dämmert dir, dass irgendetwas passiert, langsam wird dir bewusst, dass du dich veränderst, dass eine Transformation im Gange ist, dass du nicht mehr derselbe Mensch bist, der du vorher warst. Und bei der zweiten Vereinigung wird dir langsam bewusst werden, dass dein Interesse an der äusseren Frau nachlässt. Dein Interesse an dem äusseren Mann ist nicht mehr so hitzig, wie es vorher war.

Veränderungen gibt es auch bei der ersten Vereinigung, aber sie wird dir nicht bewusst. Bei der ersten Vereinigung mag dir auffallen, dass du nicht mehr so sehr an deiner Frau interessiert bist, bei der zweiten Vereinigung kannst du nicht verstehen, dass du an überhaupt keiner Frau mehr interessiert bist. Du denkst vielleicht, dass deine Frau dich langweilt und das du mit einer anderen Frau glücklicher sein könntest; ein bisschen Veränderung täte gut, ein anderes Klima, eine andere Frau mit anderen Qualitäten. Es ist nur eine Vermutung. Bei der zweiten Vereinigung fühlst Du, dass du nicht mehr an der Frau, an dem Mann interessiert bist, dass dein Interesse sich nach innen richtet. Mit der dritten Vereinigung wirst du vollkommen bewusst. Es ist so, als ob du aufwachst.

Visuddha begegnet Ajna... du wirst absolut bewusst, die Vereinigung ereignet sich im Tageslicht. Oder du kannst es auch so sagen: die erste Vereinigung ereignet sich in dunkler Mitternacht; die zweite Vereinigung findet im Morgengrauen statt, wenn die Nacht dem Tag weicht. Die dritte Vereinigung findet Mittags statt - du bist hellwach, alles ist klar. Jetzt weisst du, dass du mit der äusseren Frau durch bist. Das bedeutet nicht, dass du deine Frau oder deinen Ehemann verlässt, es bedeutet lediglich, dass die Faszination nicht mehr da ist; du hast Mitgefühl. Natürlich ist die Frau, die dir bis hierher geholfen hat, ein guter Freund, der Mann, der dich bis hierher begleitet hat, ist ein Freund; du bist dankbar. Jetzt seid ihr einander dankbar und mitfühlend. So ist es immer, wenn das Verstehen kommt - es führt zu Mitgefühl.

Mit der Erkenntnis kommt immer das Mitgefühl. Deshalb sage ich auch nicht, dass ihr eure Familien verlassen sollt. Bleibt bei ihnen. Erleuchtung hängt nicht vom Ort ab, sie hat nichts zu tun mit Wald oder mit Stadt, mit Familie oder mit Ashram, sie hat etwas mit deinem innersten Kern zu tun. Erleuchtung ist überall möglich. Zuerst bemerkst du, dass dein Interesse am anderen nachlässt. Dieser Eindruck ist noch verschwommen, düster, so, als wenn du durch ein dunkles getöntes Glas oder durch einen dichten Morgennebel schaust. Dann, bei der zweiten Vereinigung, werden die Dinge ein bisschen klarer, so wie im Traum. Der Nebel hat etwas nachgelassen.

Bei der dritten Vereinigung wirst du hellwach. Es ist geschehen: die innere Frau hat sich mit dem inneren Mann vereinigt. Die Bio-Polarität ist nicht mehr da, du bist plötzlich eine Einheit. Die Schizophrenie ist verschwunden, du bist nicht mehr gespalten. Mit dieser Integration wirst du zum Individuum. Vorher bist du kein Individuum, du bist eine Menschenmenge: du bist ein Mob, du bist viele Menschen, du bist multi-psychisch. Plötzlich fügt sich alles in dir zur Ordnung.

Das ist es, was die alte Geschichte uns sagen will. Der Regenmacher hat um drei Tage gebeten. Wenn ihr euch gelegentlich in diese kleinen Geschichten vertieft, werdet ihr verwundert sein; ihre Symbole sind grossartig. Der Mann hat darum gebeten, drei Tage in Stille zu meditieren. Warum drei Tage? Das sind die drei Phasen: Im Schlaf, im Traum, im Wachzustand, er wollte sich in Ordnung bringen. Zuerst ereignet es sich im Schlaf, dann ereignet es sich im Traum, dann ereignet es sich im Wachzustand. Und wenn Du in Ordnung bist, dann ist die ganze Existenz in Ordnung. Wenn du ein Individuum geworden bist, wenn deine innere Spaltung verschwunden ist und du eine Einheit geworden bist, dann hat sich alles zusammengefügt. Es mag paradox erscheinen, aber es muss gesagt werden: das Individuelle ist das Allumfassende. Wenn Du individuell geworden bist, erkennst du plötzlich, dass du universal bist. Bisher hast du geglaubt, du seist von der Existenz getrennt. Jetzt kannst du das nicht mehr denken.

Adam und Eva sind ineinander aufgegangen. Das ist das Ziel, das jeder Mensch auf die eine oder andere Art erreichen will. Die Wissenschaft des Tantra ist der sicherste Weg dorthin. Das ist das Ziel.


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