Das Außen ist nur ein Vorwand - Warum Versuche zu helfen scheitern können
Auszug aus "Der Sufi Weg" von Osho, http://www.innenwelt-verlag.de

Eine Sufi Geschichte
El Mahdi Abbassi erklärte, dass es nachweislich im Menschen etwas gäbe, woran jeder Versuch, ihm zu helfen, scheitern könne.
Da ihm einige Leute diese Theorie nicht glaubten, versprach er ihnen, einen konkreten Beweis dafür zu liefern. Die Sache war längst vergessen, als El Mahdi einen Mann anwies, einen Sack Gold auf die Mitte einer Brücke zu legen; einen anderen sandte er zu einem bankrotten Schuldner, der sich an das eine Ende der Brücke stellen und sie dann überqueren sollte.
Abbassi wartete mit seinem Augenzeugen am unteren Ende der Brücke. Als der Mann bei ihnen ankam, fragte ihn Abbassi: "Was hast du auf der Mitte der Brücke gesehen?"
"Nichts", antwortete der Mann.
"Wie ist das möglich?", fragte Abbassi.
Der Mann erwiderte: "Als ich die Brücke betrat, dachte ich mir, dass es lustiger wäre, die Strecke mit geschlossenen Augen zurückzulegen, und das tat ich auch ..."

Die Interpretation von Osho
Ein Mensch trägt den Keim seines Glücks oder Unglücks, seines Himmels oder seiner Hölle in sich. Was immer dir geschieht - es geschieht deinetwegen. Äußere Ursachen sind zweitrangig, die inneren Ursachen geben den Ausschlag. Und solange du das nicht verstehst, ist keine Veränderung möglich. Dein Verstand will dich nämlich nur hinters Licht führen, wenn er nach außen verweist: "Die Ursache deines Unglücks oder Glücks liegt irgendwo außerhalb!"

Wenn die Ursache außen liegt, besteht keine Möglichkeit zur Freiheit, denn dann kann es kein Moksha geben, keinen Zustand endgültiger Befreiung. Wenn du vom Außen abhängig bist, musst du für immer Sklave bleiben. Denn wie willst du die äußeren Ursachen beeinflussen? Und selbst, wenn du eine Ursache behebst, kommen tausend nach.''

Das ist der Unterschied, der entscheidende Unterschied, zwischen einer religiösen und unreligiösen Haltung. Ein Kommunist denkt genau andersherum. Marx würde auf keinen Fall mit dem einverstanden sein, was El Mahdi in dieser Geschichte behauptet. Nach Marx liegen die Ursachen in den Lebensverhältnissen des Menschen. Der Mensch lebt unglücklich aufgrund äußerer Ursachen, die für sein Elend verantwortlich sind. Der Mensch kann erst dann glücklich werden, wenn diese Ursachen behoben sind. Nach Marx brauchen wir eine Revolution, die die äußeren Umstände verändert. Folgt man dagegen Jesus, Mohammed, Mahavir oder Krishna, dann stimmt diese Diagnose nicht.

Die Ursachen liegen innen. Das Außen ist nur ein Vorwand. Ihr könnt die Außenwelt verändern, aber solange innen alles beim Alten bleibt, wird sich gar nichts ändern. Das Innere wird immer wieder die alten Muster herstellen, ganz egal wie die äußere Situation ist - denn der Mensch lebt von innen heraus.

Du trägst deinen Himmel in dir. Und deine Hölle auch.

Und wenn du unglücklich bist, dann schiebe es nicht auf die äußeren Ursachen. Damit ist dir nicht geholfen. Rationalisierungen reiten dich nur noch tiefer hinein. Wenn du unglücklich bist, dann forsche in dir nach, woran es liegt. Vergiß das niemals. Andernfalls kann man sich viele Leben lang im selben Gleis bewegen, immer im selben Teufelskreis.

Mulla Nasruddin träumte eines Nachts er wäre im Himmel. Alles war so herrlich um ihn herum - ein stilles Tal, über dem die Sonne aufging, die Vögel zwitscherten, und er saß allein unter einem Baum. Aber bald verspürte er Hunger, und es war niemand da, weit und breit keine Seele. Trotzdem rief er: "Hallo, ist hier jemand?" Und ein schlanker schöner Mann erschien und verbeugte sich: "Zu Diensten, mein Herr. Was auch immer du befiehlst, will ich tun." Also bat er um etwas zu Essen. Und was er begehrte, wurde ihm sofort erfüllt. Er dachte "Essen" und schon stand das köstliche Mahl vor ihm. Er aß sich satt und legte sich dann aufs Ohr. Und so ging es weiter. Was immer er wollte ... , wollte er eine schönen Frau, dann war eine da. Was immer er wollte! Brauchte er abends ein Bett, so wurde auch das geliefert.

Und so ging es ein paar Tage. Aber wie lange konnte das so weiter gehen ...? Er fing an, sich zu langweilen, es satt zu haben. Alles war einfach zu gut, wirklich zuviel. Es war unerträglich. Er sehnte sich nach etwas Unglück, es war alles zu schön. Er wünschte sich ein paar Probleme herbei, denn bisher hatte er noch nie ohne Konflikte, ohne irgendwelche Ängste leben müssen - über irgendetwas musste er traurig und deprimiert sein können. Aber alles war so selig, so unerträglich glückselig.

Also rief er den Diener und sagte: "Es reicht. Ich würde jetzt gerne ein bisschen arbeiten. So ganz ohne Beschäftigung langweile ich mich ja zu Tode."

Der Mann antwortete: "Ich will ja gern alles für dich tun - aber diese Bitte kann ich dir nicht erfüllen. Arbeit kann ich dir nicht geben. Das ist hier ausgeschlossen. Alles, was du dir wünschst, kann ich dir erfüllen - warum denn dann arbeiten? Wenn dir die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, brauchst du keinen Handschlag mehr zu tun."

Mulla Nasruddin sagte: "Ich halte es nicht mehr aus! Wenn ich nicht arbeiten darf, dann ist mir die Hölle weis Gott lieber!" Da fing der Mann zu lachen an und rief: "Wo meinst du denn, wo du bist!"

Dieses Höllengelächter weckte ihn auf. Sein Traum war zerbrochen. Er kam sofort zu mir gerannt und sagte: "Dieser Traum ist sehr symbolisch. Was genau bedeutet er?"
Ich sage zu ihm: "Erstens hättest du nicht solange mit dem Aufwachen warten sollen. In dem Augenblick, wo du glaubtest, im Himmel zu sein, hättest du schon die Augen aufmachen müssen. Wie kannst denn du im Himmel sein? Du? - und im Himmel? Wie konntest du das überhaupt glauben!"

Wo immer du hingehst, nimmst du deine eigene Hölle mit. Himmel und Hölle sind nicht geographisch zu verstehen, es sind keine Orte - Himmel und Hölle existieren nicht räumlich. Sie sind Einstellungen. Sie sind psychisch zu verstehen. Sie existieren sehr wohl - aber nicht irgendwo da draußen, sondern im eigenen Inneren. Du kannst nicht "In den Himmel kommen" wohin sollte die Reise wohl gehen? Wo liegt der Himmel? Und du kannst genauso wenig "In die Hölle kommen."

Du trägst Himmel und Hölle immer mit dir herum. Es ist wie mit der Spinne und ihrem Netz. Dieses Bild - eines der tiefsinnigsten Symbole überhaupt - stammt aus den Upanishaden. Dort heisst es, dass jeder Mensch wie eine Spinne sein eigenes Netz in sich trägt. Wo sich die Spinne auch aufhält, breitet sie ihr Netz aus. Sie produziert es aus ihren eigenen Eingeweiden. Und wenn die Spinne weiterzieht, verschlingt sie es wieder.

 

Ihr tragt Himmel und Hölle in euch wie die Spinne ihr Netz. Und wo immer ihr euch aufhaltet, schafft ihr um euch her euer altes Muster.

Lasst diese Wahrheit so tief wie nur möglich in euch einsinken; es hängt unendlich viel davon ab. Davon hängt ab, ob du dich veränderst oder nicht. Hast du diesen Punkt nicht verstanden, wirst du immer wieder in die Irre gehen. Seit zehn Jahren kommt ein Mann zu mir und fängt jedes mal von neuem zu meditieren an. Immer nur für ein paar Tage, höchstens ein, zwei Wochen. Und jedes mal fühlt er sich großartig, ganz einfach prima. Und während dieser Zeiten, wo er meditiert, kommt er dann zu mir und sagt, wie großartig, wie wohl er sich fühle, und dass es ihm noch nie so gut gegangen sei. Und dann plötzlich hört er mit einem Schlag auf, verschwindet für einige Monate und vergisst mich völlig. Aber bald kommt er total niedergeschlagen, deprimiert und innerlich zerrissen wieder an, und ich empfehle ihm, wieder mit dem meditieren anzufangen. Wenn ich ihn frage: "Warum hast du aufgehört? Du hattest dich doch so wohl gefühlt, du warst doch so glücklich?" - dann antwortet er: "Jedes mal wenn ich mich großartig und ausgezeichnet fühle, sagt mir eine innere Stimme: "Jetzt brauchst du nicht mehr zu meditieren! Und dann höre ich auf, allmählich rutsche ich wieder ab in die Dunkelheit, und das Elend geht von vorne los. Und dann komme ich wieder zu dir."

Das letzte mal fragte ich ihn: "Wie oft hast du das eigentlich schon gemacht? Kannst du nicht aus deiner Erfahrung lernen? In den letzten zehn Jahren muss es ungefähr dreißig mal gewesen sein."

Und er versprach: "Diesmal halte ich durch." Aber ich weis, dass es für ihn nicht möglich ist, denn das hat er schon viele male versprochen. Auf seine Versprechungen ist kein Verlass. Dreißig mal hat er mir das schon versprochen, und jedes mal hat er sein Versprechen gebrochen. Denn er weis überhaupt nicht, was er macht. Sobald er sich einer inneren Explosion nähert, geht sein Verstand auf Abstand und sagt: "So - warum jetzt noch weitermachen? Jetzt bist du glücklich und zufrieden. Warum machst du dir noch die Mühe, früh am morgen aufzustehen? Wozu weitermeditieren? Jetzt ist alles in Butter. Jetzt brauchst du das nicht mehr. Wenn die Krankheit geheilt ist, nimmt man keine Medizin mehr ein. Also mach Schluss."

Und immer wieder ist es dasselbe, und nie begreift er, was sich eigentlich abspielt. Im Mahabharata, dem größten Epos der Welt, kommt folgende Geschichte vor, eine sehr schöne Geschichte: Die fünf pandavas - die fünf Brüder, um die sich das ganze Epos dreht - sind aus ihrem Königreich verbannt worden und ziehen als Flüchtlinge durch die Wälder. eines Tages haben sie großen Durst, einer der Brüder, der jüngste, geht auf die Suche nach Wasser. Er kommt an einen herrlichen See, aber sobald er ins Wasser steigt, um seinen Topf zu füllen, hört er eine unsichtbare Stimme. "Warte, beantworte mir erst meine Fragen, dann kannst du Wasser aus diesem See schöpfen. Das ist die Bedingung: Beantworte mir erst drei Fragen. Und wenn du sie nicht beantworten kannst, fällst du auf der Stelle tot um. Die erste Frage ist: "Was ist das Wichtigste am Menschen, das Allerwichtigste?" Der junge Mann wusste die Antwort nicht und fiel tot zu Boden.

Darauf folgte ihm der nächste Bruder und wieder der nächste, und jedes Mal geschah das Gleiche. Schließlich ging der älteste, Yudhisthira, auf die Suche nach seinen Brüdern, die ausgeblieben waren, und auch er kam an den See und wollte Wasser schöpfen. Seine vier Brüder lagen tot am Ufer, und als er ins Wasser stieg, hörte er die gleiche Stimme: "Antworte erst auf meine Fragen, sonst musst auch du sterben. Und wenn du die Antwort weißt, dann wirst du nicht nur am Leben bleiben, sondern du kannst auch vom Wasser dieses Sees trinken, und das gleiche Wasser wird auch deinen Brüdern wieder das Leben geben. Du brauchst ihnen damit nur das Gesicht benetzen. erst aber meine Fragen. Die erste lautet: "Was ist das Wesentliche am Mensch?"

Und Yudhisthira sagte: "Der wichtigste Zug am Menschen ist, dass er nie dazulernt." Er durfte das Wasser trinken und seine Brüder ins Leben zurückrufen. Und es stimmt, das ist einer der wesentlichsten Züge des Menschen: Er lernt nie etwas dazu. Er mag sich noch soviel Wissen in den Kopf stopfen, aber lernen wird er nie. Wissen und Lernen sind zweierlei. Wissen ist geborgt, es ist papageienhaft; du trichterst es dir ein, stopfst dir dein Gedächtnis damit aus. Dein Hirn wird zum Computer. Lernen ist etwas völlig anderes. Lernen kommt nur aus Erfahrung. Lernen heisst, nie denselben Fehler zu wiederholen, wachsamer zu werden, immer aufmerksamer, umsichtiger.

Und das will auch diese Sufi-Geschichte sagen: Es steckt etwas in dir, das dich ständig scheitern lässt - und solange du es nicht zu fassen bekommst und mit Stumpf und Stiel ausreißt, wird alles, was du unternimmst, umsonst sein.

Denn was du auch anstellst, du bist der Urheber, und darum muss es scheitern. Erst muss der Störfaktor in dir, der dich ständig scheitern lässt, behoben werden; er muss mit der Wurzel ausgerissen und verbrannt werden. Es ist dir sicher schon aufgefallen - vielleicht nicht sehr klar und scharf und eindringlich, aber bemerkt hast du es sicher schon, vielleicht mehr als Ahnung, neblig, vage und schattenhaft, wie durch einen Rauchschleier -, dass du immer wieder die gleiche Art von Fehlern machst, immer wieder. Wie beschämend! Nicht einmal neue Fehler kannst du erfinden. Was für einen unoriginellen, was für einen mittelmäßigen Geist du hast ... Hmm? Nicht mal neue Fehler könnt ihr euch ausdenken! Immer wieder dieselbe Mühle. Wie eine kaputte Schallplatte, die immer in der gleichen Rille stecken bleibt.

Wie bei der Transzendentalen Meditation: Ram, Ram, Ram. Immer und immer wieder. euer Leben ist wie TM, wie eine kaputte Schallplatte. Oder ist es euch noch nicht aufgefallen, dass ihr ständig die gleichen Fehler wiederholt? In euren Beziehungen, in euren Liebesverhältnissen, in euren Freundschaften, in eueren Geschäften - immer wieder begeht ihr die gleichen Dummheiten. Und jedes mal hofft ihr, dass sich diesmal alles anders abspielen wird. Nichts wird sich ändern - denn ihr bleibt die Gleichen. Wie kann sich also etwas ändern? Ihr hofft gegen alle Hoffnung. Seht euch den dummen Verstand an: Er hofft, obwohl er tief drinnen genau weiß, dass es gar keine Hoffnung geben kann; denn du selbst stehst dir im Weg.

Du verliebst dich in eine Frau, und alles ist so romantisch, so voller Poesie. Aber es geschieht nicht zum ersten mal. Es war schon oft so. Wie oft bist du schon verliebt gewesen, wie oft schon war die Welt rosarot und romantisch! Die Welt wurde zum Traum, und alles war so wunderschön - und plötzlich wurde das Ganze hässlich. Was eben noch so anziehend war, wird plötzlich abstoßend. Der schöne Traum ist zum Alptraum geworden. Was eben noch der Himmel war, ist jetzt die Hölle. Und so ist es immer wieder gewesen. Und trotzdem verliebst du dich wieder, trotzdem vergisst du alles - und alles wird wieder genauso kommen!
Du bist eine Wiederholungsmaschine. Und solange du diese Maschine nicht zum Stehen bringst, ist jede Verwandlung ausgeschlossen. Aber wie? Wie diesen Mechanismus anhalten? Erst einmal muss man überhaupt wahrnehmen, dass es ihn gibt. Das ist der allererste Schritt. Man muss wahrnehmen, dass es diese Wiederholungsmaschine gibt, dass du als Automat funktionierst, nicht als Mensch. einfach nur als Mechanismus, der sich ständig wiederholt.

 

Der Mensch in dir entsteht erst, wenn du aufhörst, eine Maschine zu sein. Der Mensch in dir entsteht erst, wenn du dich auf neue Wege begibst, wenn du neue Pfade betrittst, wenn du dich auf den Weg ins Unbekannte begibst.


-Osho-

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